Wieder zu Hause

Ist das komisch! Nach neun Monaten, 35.000 Kilometern und 24 Ländern stehen wir mit dem Rocky vor unserem Haus in unserer Straße. Alles sieht noch so aus wie wir es verlassen haben. Mit einem dicken Kloss im Hals steigen wir nach einigen Minuten aus und schließen das Hoftor auf...

Es riecht etwas muffig, hier und da liegt eine tote Fliege, aber es ist viel wärmer und sauberer als wir erwartet hätten. Auch unser wilder Wein hat gar nicht das komplette Haus erobert, sondern wurde zurück geschnitten. Waren da etwa die Mainzelmännchen am Werk? Tatsächlich! Im Flur hängt ein Willkommensplakat und auf unseren Betten liegen kleine Betthupferl zur Begrüßung. Wie schön! 

 

Lina rennt durch alle Zimmer, von Stockwerk zu Stockwerk, Treppen hoch und Treppen runter. Wofür braucht man nur so viele Zimmer? Was sollen wir mit dem ganzen Platz? Jauchzend entdeckt Lina ihre alten Spielsachen wieder neu, schießt mit dem Bobbycar und dem Puppenwagen an uns vorbei. Sie genießt die großen Räume, Michi macht sich auf unserem Sofa breit das fast größer ist als der gesamte Rocky und ich mache zum ersten Mal seit Langem die Klotür zu. Auch Lina kann nicht genug von den vielen Türen und Lichtschaltern bekommen. Doch das Highlight ist für sie eindeutig, dass überall warmes Wasser aus den Wasserhähnen kommt! Endlich morgens kein kalter Waschlappen mehr in ihrem Gesicht! Juhu! 

 

So nach und nach beginnen wir uns zu sortieren. Und das fällt uns gar nicht so leicht. Wir hatten uns sehr an das einfache Leben auf begrenztem Raum gewöhnt. Jetzt suchen wir dauernd an was anderem, noch hat nichts seinen Platz gefunden und man fühlt sich fast verloren. Es ist eine ziemliche Überwindung den Rocky auszuräumen und damit die Reise wirklich endgültig zu beenden. Es stecken so viele Erinnerungen in jedem Zentimeter, da wird einem schwer ums Herz. Im Kühlschrank steht die Marmelade aus Kroatien, der Kaffee ist aus Griechenland, das Salz aus Russland ist gerade leer geworden und in den Ecken steckt noch der Staub mongolischer Pisten. Doch es ist auch schön, die Kisten auszupacken, Andenken und Souvenirs zu finden. "Weißt Du noch?" Wir schwelgen in Erinnerungen, hören die CDs die im Rocky rauf und runter liefen, schalten unsere Computer nach neun Monaten wieder an, schauen die Post durch, kochen auf mehr als nur einem Kochfeld, drücken auf den Knopf des Kaffeevollautomaten und der Fernseher kommt mir noch riesiger vor als vorher.... 

 

Unsere Nachbarn heißen uns Willkommen, wir treffen bei Feuer und Schichtfleisch aus dem Dutch  Oven die ersten Freunde, Lina lässt sich im Kinderwagen über den Weihnachtsmarkt schieben, sie genießt das nach so langer Zeit und verlässt den kuscheligen Platz auch nur kurz um im dm den Kindereinkaufswagen zu schieben. Die Eindrücke prasseln auf uns ein, eigentlich Vertrautes kommt einem seltsam vor und man fühlt sich fast wie ein Zuschauer in einer anderen Welt. Warum steht man ständig an einer Ampel? Warum hat hier keiner Zeit? Wieso reden alle dauernd über's Wetter? Wie soll man sich bei dem riesigen Warenangebot zurecht finden? Schon nach wenigen Tagen füllt sich der Terminkalender, Dinge müssen geklärt werden, man muss sich wieder festlegen, planen, sich abstimmen. Das freie, selbstbestimmte Leben ohne viele Pläne und Regeln ist wohl vorbei und der Alltag beginnt uns wieder einzuholen. 

 

Ein paar Wochen hatten wir uns noch davor gedrückt. Genossen entspannte Tage bei Linas glücklichen Großeltern die uns nach Strich und Faden verwöhnten, haben liebe alte Freundinnen und Verwandte wiedergesehen und gemerkt wie sehr einem gute Freunde und Familie fehlen können. Zwar trifft man unterwegs jede Menge interessante Menschen, doch auf Dauer ersetzt das nicht ein gutes Gespräch mit einer lang vertrauten Person. 

 

Und so sind unsere Gefühle gerade sehr gemischt, wir sind wohl noch mittendrin im "Ankommen".

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Kommentare: 4
  • #1

    Jörg Kießling (Dienstag, 06 Dezember 2016 10:13)

    Sehr schön geschrieben.
    Willkommen Daheim.

  • #2

    Annika (Dienstag, 06 Dezember 2016 14:18)

    Da kommen einem irgendwie selbst die tränen wenn man das liest, auch wenn wir das "ohne-termine-leben" gar nicht selbst erlebt haben ... Ich hoffe, ihr geniesst die ankommenszeit trotzdem ...wir freuen uns jedenfalls auf Euch....

  • #3

    Steffen (Dienstag, 06 Dezember 2016 19:49)

    Welcome back!
    Es war toll euch auf der Reise zu begleiten. Riesen Kompliment für die unaufdringlichen Geschichten die wir hier lesen durften.

  • #4

    Peter & Tina (Dienstag, 06 Dezember 2016 22:05)

    Herzlich Willkommen zurück in der Heimat!
    Leider findet man sehr viel schneller in diesem hektischen Alltag zurück,als einem lieb ist! Aber auch das werdet ihr zusammen meistern :-)

    Schön,das ihr Drei wohlauf seid!!!

    LG von uns Zwei