Albanien und Montenegro

Albanien ... wieder mal ein Land über das ich gar nichts weiß. An der Grenze zeigen wir kurz unsere Pässe, halten einen Reiseplausch mit dem Hessen aus dem Mobil hinter uns und mal wieder stellt sich die Uhr um. Damit wären wir nun bei der deutschen Zeit angekommen.
Alles andere als deutsch geht es aber hier auf den Straßen zu. Das Leben spielt sich wieder viel mehr draußen ab, wir kommen an Pferdefuhrwerken, Eselskarren und Schafen vorbei. Vieles erinnert uns an die Türkei oder Georgien. Und doch ist es hier ganz anders. Extrem heruntergekommen und chaotisch wirkt alles auf uns, wir sehen viele leerstehende Häuser, halbfertige oder schon wieder verfallene Gebäude, Müllberge prägen die Landschaft. 

Außerdem fallen uns immer wieder kleine Betonkuppeln auf. Es scheinen Verteidigungsbunker aus Kriegszeiten zu sein. Direkt fällt mir die Warnung von unserem italienischen Stellplatz-Nachbarn in Istanbul ein: Vorsicht vor Landminen in Albanien! Nicht abseits der Wege laufen! 
Der Verkehr ist völlig merkwürdig. Die meisten fahren auffällig langsam und in Kreiseln herrscht das totale Chaos. Dass mittendrin noch Polizisten versuchen für Ordnung zu sorgen, macht es nur noch schlimmer. Überhaupt herrscht hier hohe Polizeipräsenz, es wird viel kontrolliert und geblitzt. Wir müssen direkt an Kasachstan denken! 

Fast hatten wir in Griechenland schon ein wenig die vielen Moscheen und Muezzinrufe vermisst. Hier in Albanien sind sie wieder da, kein Wunder bei ungefähr 70 % Muslimen. Der Rest der Bevölkerung ist griechisch-orthodox und katholisch. Es scheint ein tolerantes religiöses Miteinander zu herrschen. 

Ein Pole den wir in der Türkei kennengelernt hatten, gab uns den Tipp in Albanien zum "Blue Eye" zu fahren. Und das tun wir auch. Bei Muzinë geht es von der Hauptstraße ab auf einen Schotterweg mit vielen Schlaglöchern. Kurz bevor man denkt, man hat sich verfahren, taucht plötzlich eine wahre Oase auf. "Syri i kaltër" steht auf einem Schild und nach einem kleinen Spaziergang durch einen grünen Urwald stehen wir vor dem Naturphänomen: aus einem großen Loch blubbert kristallklares Wasser und rauscht in wunderschönen Grün- und Blautönen davon. Diese Karstquelle ist die wasserreichste Quelle des Landes und mit hohem Druck treten riesige Wassermassen (6 Kubikmeter/s) durch ein tiefes Loch im hellen Kalkstein an die Oberfläche. Sehr beeindruckend das Ganze! Lina erkundet diesen großen Wasserspielplatz mit Gummistiefeln und entdeckt "Urzeitkrebse".

Als wir in der Hauptstadt Tirana nach längerer Suche auf einem bewachten Parkplatz stehen (für 1000 albanische Lek, ca. 7€), dämmert es schon. Auf einmal wird es schon wieder so früh dunkel! Aber bei einem Spaziergang stellen wir fest, dass wir hier auch nicht so richtig viel verpassen und ziehen am nächsten Morgen direkt weiter. Es gibt unheimlich viele bettelnde Kinder am Straßenrand und dauernd putzt jemand ungefragt die Scheiben oder will irgendwas verkaufen. Auffällig sind auch die vielen Männer mit schwarzen Leder- oder Bomberjacken die mit den Händen in den Hosentaschen überall einfach so rumstehen. Keine Ahnung warum, wahrscheinlich völlig harmlos, aber irgendwie wirkt das alles auf uns nicht vertrauenserweckend. In keinem anderen Land haben wir uns bisher so unbehaglich gefühlt und das obwohl wir wieder im europäischen, ach so vermeintlich sicheren Raum sind. Auch wenn Albanien nicht zur EU gehört. Die Schere zwischen Arm und Reich scheint hier sehr groß zu sein, einerseits fahren teure Schlitten durch die Straßen, andererseits sehen wir so viele Menschen denen es offensichtlich nicht gut geht wie nirgends sonst bisher.

Gerade fällt mir dabei noch eine Begebenheit aus Istanbul ein: abends ging vor uns ein Schuhputzer her und als ihm seine Bürste runter fiel, machten wir ihn darauf aufmerksam. Er bedankte sich vielfach, putzte unsere Schuhe, wir dachten zum Dank, aber er verlangte dann doch tatsächlich 90 türkische Lira (ca. 25€) von uns. Wir dachten, wir hätten uns verhört und gaben ihm 19. Immer noch zu viel, aber egal. Erst als wieder ein Schuhputzer seine Bürste fallen ließ, erkannten wir, dass es ein Trick war und wir voll über's Ohr gehauen wurden! 

Albanien macht jedenfalls keinen guten ersten Eindruck auf uns, aber vielleicht braucht es dafür auch einfach mehr Zeit. Wir wollen aber weiter und zwar nach Montenegro. Eigentlich dachten wir ja, die "richtigen" Grenzen liegen hinter uns, doch hier wird nochmal der Rocky kontrolliert, gefragt ob wir Drogen oder Waffen dabei haben, woher wir kommen und wohin wir wollen und sehr zu Linas Freude, bekommen unsere Pässe doch unerwartet noch einen neuen Stempel.
Wir verbringen zwei stürmische Nächte an einem Strand zwischen Bar und Sutomore. Den Lost-Camp-Platz haben wir durch die "iOverlander"-App. gefunden (super Empfehlung der Holländer aus Thessaloniki). Ab und zu kommen Spaziergänger vorbei, unter anderem zwei Darmstädter mit Hund, ansonsten sind wir hier ganz alleine mit einem grünen Frosch und den hohen Wellen die durch den Sturm an Land gepeitscht werden. Kalt ist es nicht, aber trotzdem ungemütlich und wir machen uns ein Feuer, spielen Gitarre und singen. 

Die Fahrt an der Küste entlang ist total schön und das kleine Land in dem wir übrigens wieder mit Euro bezahlen können, begeistert uns. Vor der kroatischen Grenze fährt man an einer weit verschachtelten Bucht entlang. Beeindruckend sind die hohen Berge ringsherum und das tiefblaue Wasser der Adria. In dem hübschen Örtchen Perast bummeln wir ein wenig und freuen uns über die Sonne. Im Hafen nebenan legt ein riesiges Kreuzfahrtschiff an und die Bewohner belagern bald den Ort. 

Kurz später überqueren wir die Grenze und sind in Kroatien.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0