Eine Küste für Entdecker

Die Türkei war von Anfang an Teil unserer Reiseroute und sollte auch nicht nur ein Transitland sein. Obwohl viele zur Zeit aus unterschiedlichen Gründen das Land meiden, wollen wir uns von den aktuellen Geschehnissen nicht einschüchtern lassen und zumindest einen Teil von Land und Leuten kennenlernen.
Fast an der gesamten Schwarzmeerküste geht eine Autobahn in sehr gutem Zustand direkt am Meer entlang. Man kann also sehr schnell vorwärts kommen, muss man aber nicht. Es gibt so viel abseits der großen Straße zu sehen und zu entdecken, dass wir immer wieder Abstecher ins Landesinnere machen.

In Georgien hatten wir noch zwei Stunden Zeitverschiebung zu Deutschland, hier ist es nur noch eine. Kamen wir bis jetzt mit ein paar Brocken russisch immer noch ganz gut zurecht, ist das nun endgültig vorbei. Auf den Stoppschildern steht DUR, Taxis heißen Taksi und Tunnel sind Tünel, bzw. Tüneli (klingt wie "kleiner Tunnel" auf schwyzerdeutsch). Auch hier fährt Polizei und Ambulanz generell mit Blaulicht, auch wenn sie es gar nicht eilig haben. Anders als in Georgien wird wieder wesentlich gesitteter gefahren, allerdings nach dem Motto: "Die anderen sehen ja wo ich fahre." Gilt auch für Fußgänger, die laufen oft über die Straße ohne nach rechts und links zu schauen. Was Verkehrsregeln angeht, herrscht eine sympathische Schlampigkeit, aber keine Aggressivität.

In Rize hebt Michi unsere ersten türkischen Lira ab, besorgt Telefonkarten und den ersten echten türkischen Döner. Ich warte mit Lina im Rocky und beobachte mit ihr am offenen Fenster das Treiben. Türkische Sprachfetzen klingen vertraut und irgendwie fühle ich mich ein bisschen wie in Offenbach stelle ich schmunzelnd fest. Und doch ist es ganz anders. Auf der einen Seite des Platzes ist eine große Moschee, an einem Haus hängt ein riesiges Erdogan-Banner, überall rot-weiße Nationalflaggen, Frauen mit und ohne Kopftücher, Männer mit weißen Hemden und kleinen Kappen, viele kleine Läden, Strassenhunde.

Bald hinter der Stadt verlassen wir die schnelle Küstenstraße in Richtung Kaçkar-Gebirge. Die Landschaft ändert sich im 10-Minutentakt. Vom sonnigen Meer geht es durch ein wolkenverhangenes Tal, die Berge sieht man gar nicht. Rechts und links an den Hängen wird überall Tee angebaut, der Çay für die gesamte Türkei kommt hier aus der Schwarzmeerregion. Es folgen kleine Dörfer mit Holzhäusern und grüne Almen mit braunen Kühen. Gerade als ich mich frage, ob der Abstecher eine gute Idee ist, kommt die Sonne wieder zum Vorschein. Und schon erreichen wir die Baumgrenze und befinden uns inmitten einer hochalpinen Landschaft. Hier und da stehen ein paar Häuser und an den Nordhängen liegt Schnee. 

Beeindruckt halten wir am Ovit-Pass auf 2600 Metern Höhe an. Was für eine Landschaft und welch grandiose Aussicht. Ein perfekter Rocky-Platz für die Nacht. Unsere leeren Wasserkanister können wir an einem Brunnen auffüllen aus dem eiskaltes Bergwasser sprudelt. Und kaum sind wir ein paar Stunden in der Türkei, werden wir beschenkt. Ein Mann den wir am Brunnen treffen, reicht uns drei knackige Äpfel. Wir freuen uns! Gerne hätten wir uns auf Türkisch bedankt, aber dafür reicht unser karger Wortschatz noch nicht aus.

Hinter dem Pass geht es allmählich wieder abwärts in eine braune Hochsteppe mit grünen Flusstälern. Im Gegensatz zur Nordseite der Berge regnet es hier nur selten und wir fahren auf mittlerweile sehr schmaler Straße durch eine karge dünnbesiedelte Landschaft wie in Mittelasien. Und genau hier steht das Baksi-Museum des weitgereisten Malers und Bildhauers Hüsamettin Koçan. Der Kontrast des futuristischen Museums in dieser weiten, harten Umgebung ist überwältigend. 

Es ist Linas erster richtiger Museumsbesuch und wir sind gespannt. Wir sind heute die einzigen Besucher und können uns völlig frei in den hohen Räumen bewegen. Lina testet die Akustik, den Bruder von Herrn Koçan, der als Architekt den Bau des Museums betreut hat und der uns jetzt hinein lässt, scheint das nicht zu stören. Das Museum vereint die traditionelle Kunst der Dörfer und die moderne städtische. Besonders begeistert ist Lina von der großen Bibliothek. So viele Bücher auf einem Haufen! Dass die meisten auf Türkisch sind, stört sie nicht weiter. Ich finde eine Ausgabe der National Geographic aus meinem Geburtsmonat und -jahr. Auf dem Museumsgelände gibt es auch Übernachtungsmöglichkeiten und ein kleines Restaurant. Künstler bleiben oft wochenlang zum Arbeiten hier und hinterlassen ihre Kunstwerke, so wächst die Sammlung stetig. Wir trinken unseren ersten Çay der Reise, werden von einer sehr freundlich auf uns einredenden Frau bewirtet und verstehen kein Wort. Lina bekommt einen Lolli der die Zunge blau macht. Wir unterhalten uns noch mit Professor Koçan, einem sehr sympathischen Mann der mich nachhaltig beeindruckt. Er gibt uns ein Autogramm auf seinem Bild in unserem Merian, in dem ein interessanter Artikel über sein Museum ist. Zwar schon ein paar Jahre alt, führt er immer noch viele Deutsche zu ihm, erzählt er und schenkt uns zum Abschied eine Handvoll kleine gelbe Früchte die wir noch nie gesehen haben und von denen er den englischen Namen nicht kennt. 

Die Frauen, die wir in dieser Gegend um Bayraktar an der Straße sehen, sind stark verhüllt, wenden sich ab wenn wir uns nähern und ziehen die Tücher noch mehr über das Gesicht. Irgendwie schade, dass so gar kein Blickkontakt zustande kommen kann.

Die Nacht verbringen wir nach einer Fahrt über Bayburt und Gümüshane (bei uns "Gümüsepfanne" - ich kaufe ein ü) auch wieder mit super Aussicht am Zigana-Pass. Wir essen in einem Restaurant des kleinen Ortes, draußen hängt eine Ziege die kurz zuvor noch über die Weide nebenan lief und man kann beim Zerteilen und Grillen zuschauen. Lina will immer wieder raus, der Mann am Grill macht Spässchen mit ihr. Und auch die restlichen Gäste nehmen sie gleich in ihre Mitte. An der Wand hängt ein Schal von Fortuna Düsseldorf und ein anderer Gast outet sich als Berliner der vor vielen Jahren ausgewandert ist, weil "das Leben hier zwar einfach, aber besser ist als in Deutschland". Bei Sonnenuntergang herrscht eine besondere Stimmung hier oben, das weite Tal liegt in vielen Schattierungen vor uns ausgebreitet und die Muezzinrufe aus den vielen nahen und fernen Moscheen klingen mit Echo zu uns herauf. Und die sind es auch, die uns morgens (viel zu früh) wieder wecken.

Kurz vor Maçka geht es auf einem kleinen steilen Waldweg zur Klosterruine Vazelon, die letzten zwei Kilometer laufen wir und oben angekommen freuen wir uns über eine schöne Sicht ins Tal. Aber es ziehen Wolken auf, schnell zurück zum Rocky, bevor der Rückweg in einer Rutschpartie endet. 

Das orthodoxe Kloster Sumela können wir leider nicht besichtigen, weil es gerade geschlossen ist und restauriert wird. Außerdem ist das Tal wolkenverhangen und so lohnt es nicht den Eintritt zum Nationalpark zu bezahlen. Beide Klöster sind in steile Felswände gebaut, aber nur Sumela ist noch relativ gut erhalten. Vazelon verfällt nach und nach, leider wurden die Fresken zerstört und vor allem die Gesichter der Heiligen sind nicht mehr zu erkennen. Das soll in Sumela ähnlich, wenn auch nicht ganz so ausgeprägt sein, angeblich aber weniger aus religiösen oder hasserfüllten Gründen. Die vielen unterschiedlichen Menschen unterschiedlicher Herkünfte die kamen und gingen im Laufe der Zeit, wie etwa Hirtenjungen mit Steinschleudern, haben ihre Spuren hinterlassen. So wie Menschen das gerne tun an besonderen Orten, vergleichbar vielleicht mit Verliebten die Namen in Bäume oder Bänke ritzen.

In dieser Gegend gibt es eine Menge Baustellen, es entstehen zu den vielen vorhandenen noch etliche neue Tünel (und Tüneli). Die Hauptverbindungsstrasse ist optimal, aber auch die kleinen Bergstraßen sind in einem guten Zustand.

In Trabzon sind wir wieder zurück am Meer und besuchen die griechisch-orthodoxe Kirche Aya Sofya die einst Moschee wurde, dann Museum und jetzt beides zugleich ist. Und genau das lässt dieses Gotteshaus keinen Frieden finden. Denn die Fresken wurden teilweise mit Stoff überzogen, da die biblischen Szenen für die Muslime in Trabzon "sündige Darstellungen" waren. 
Für uns eher schwierig zu verdauen, kümmert Lina das alles nicht, sie hat Spaß mit den Pfützen vor dem Eingang und wäscht anschließend ihre Hände an den Wasserhähnen für die Moscheebesucher. Als der Muezzin schreit, wie Lina immer sagt, halten wir uns die Ohren zu, viel zu laut und mit kratzigen Störungen tönt es aus den Lautsprechern. Wir lassen uns aber dann im angrenzenden Gartenrestaurant Kuymak und Menemen - eine Art Käsefondue - gut schmecken. Danke an Marianne und Uli für den Tipp.

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Kommentare: 1
  • #1

    Gabie (Samstag, 29 Oktober 2016 19:09)

    Meine türkische kollegin meinte, es wären wilde waldbirnen..