Herr Winter stammt vom Kaukasus

So oft haben wir das Lied auf Linas Giraffenaffen-CD gehört und mitgesungen "Zieht euch warrrrm an!". Und dann sind wir da, im Großen Kaukasus, dem Gebirge das sich zwischen Russland und Georgien vom Kaspischen Meer bis zum Schwarzen Meer ausdehnt.
Der russische Biker Alex den wir in der Mongolei kennengelernt hatten, gab uns den Tipp nach Mestia zu fahren. Und das tun wir glücklicherweise auch. Von Kutaissi geht es über Sugdidi am Inguri-Stausee entlang und über viele Serpentinen immer weiter nach oben in die Berge hinein. Lina kann ganz oft unser Tunnel-Lied singen, denn wir fahren durch viele kurze und etwas längere  Tunnel hindurch. Manche sind besser ausgebaut und manche gar nicht. In einem tropft es überall aus der Decke, es ist stockfinster, in den Schlaglöchern steht tief das Wasser und irgendwelche Strippen baumeln durch die Gegend. Gruselig! Und die verrückten Georgier machen noch dazu gerne mal das Licht aus im Tunnel. 

Wie in vielen Ländern vorher schon, werden wir auch hier mal wieder für einen öffentlichen Bus gehalten. Die sehen nämlich so aus wie der Rocky, nur dass noch ein Schild mit der Nummer oder dem Ort vorne drin hängt. Immer wieder der gleiche Ablauf: die Leute treten ein Stück auf die Straße, halten die Hand raus, winken weil wir nicht langsamer werden, erkennen im Vorbeifahren, dass wir gar kein Bus sind und schauen uns verwundert nach.

Dass Swanetien das Land der Wehrtürme ist, wird spätestens im 1400 Meter hoch gelegenen Mestia deutlich. Überall ragen sie aus der Landschaft heraus. Und noch etwas fällt auf: wir haben ja schon vieles am Wegesrand gesehen und so einiges lief vor dem Rocky über die Straße. Jetzt kommt nochmal etwas Neues hinzu. Und zwar Schweine! Zwischen allem anderen Getier grasen sie und wühlen sich durch die Gegend. 

Hier verbringen wir fünf glückliche und entspannte Tage. Drei Nächte stehen wir abseits des Ortes am Fluss, sammeln Feuerholz, backen Brot und Zimtschnecken (endlich mal wieder), bummeln durch kleine Gassen, schnitzen einen Wanderstock für Lina, wandern und genießen die klare Bergluft. Anfangs ist es eher wolkig, hin und wieder regnet es und ganz oben in den Bergen schneit es sogar, doch dann kommt immer mehr die Sonne raus. Bei tiefblauem Himmel fahren wir zum ersten Mal mit Lina Sessellift und blicken auf den Ushba, das 4737 Meter hohe "Matterhorn Georgiens". Während einer ausgiebigen und anstrengenden Wandertour verstecken wir unseren ersten Geocache. Wer ihn wohl als erstes findet?

Sobald die Sonne weg ist, wird es richtig kalt. Abends stellen wir die Heizung an und ... sie geht wieder aus. Fehler F02. Das hatten wir doch schon mal in der Slowakei! Und es ist auch wieder das gleiche Problem: zu wenig Diesel, bergauf gefahren und stehen geblieben. Also heißt es nachtanken. Gut, dass wir noch einen vollen Ersatzkanister haben und so müssen wir nicht frieren! 

Hinter Mestia endet irgendwann die befestigte Straße, über Schotterwege geht es weiter den Berg hinauf. Wir kommen mit unserem tapferen Rocky sogar bis zur Schneegrenze, machen eine Schneeballschlacht, bauen einen Schneemann und Lina macht zum ersten Mal einen Schneeengel. Hier geht es auch nach Ushguli, dem auf 2200 Metern höchstgelegenen dauerhaft bewohnten Dorf Europas. Der Weg ist nur mit einem Allradauto zu befahren und wir entschließen uns, Lina die fünfstündige Fahrt hin und zurück in einem fremden Auto zu ersparen.

Zwei weitere Nächte verbringen wir mitten im Ort auf dem Parkplatz vor der Polizeistation. Gegenüber ist das Café Laila in dem wir Stammgäste werden. Schon beim ersten Besuch fühlen uns total wohl und bleiben ewig. Die chillige Musik, die gemütliche Einrichtung und die freundlichen Bedienungen sorgen dafür, dass wir immer wieder kommen. Lina ruft Oma und Opa auf einem alten Telefon an und schreibt Briefe auf einer alten Schreibmaschine. Abends lauschen wir den ungewohnten, lauten und tiefen Stimmen der Hausband die traditionelle georgische Musik macht.  Die gute Seele des Restaurants ist die auf Anhieb sympathische Besitzerin Tamuna. Wir nennen sie Oma Laila. Da sie längere Zeit in Deutschland gelebt hat, spricht sie dementsprechend gut unsere Sprache. Sie nimmt sich gleich Lina an, stellt sie ihren beiden Enkeln vor und bald darauf rennen die drei über die Terrasse, gehen mit ihr zum Kiosk nebenan und bekommen Luftballons geschenkt. Dass Lina mit den anderen im Park gegenüber alleine spielt, wundert uns schon etwas. Aber als sie dann auch noch mit Oma Laila wie selbstverständlich mit in die Wohnung geht um dort mit den beiden Kindern zu spielen, kann ich es kaum fassen! Sie ist nur eine halbe Stunde weg und kommt guter Dinge wieder zurück. Unser großes mutiges Mädchen! 
Wir lernen derweil ein nettes Paar aus Polen kennen, die beiden machen ohne ihre Kinder Urlaub. Auch keine schlechte Idee ;-) 
Am letzten Abend kommt ein kleines georgisches Mädchen zu uns an den Tisch und bleibt auch direkt da bis wir gehen. Lina und sie spielen zusammen und füttern sich gegenseitig mit Pommes. Wir haben somit plötzlich zwei Kinder und die Eltern der Kleenen haben mal nur eins. 
Lina bekommt beim Abschied von unserer Lieblingskellnerin noch ein "georgisches Überraschungsei" geschenkt. In Deutschland undenkbar, ist hier ein kleiner Panzer drin, das gelbe Ei besteht noch (wie früher bei uns auch) aus zwei Hälften mit scharfen Kanten und die Schokolade schmeckt wie der Nikolaus vom letzten Jahr. Völlig egal, unser Kind strahlt mit verschmiertem Mund und klebrigen Schokohänden.

Die georgische, speziell auch die swanische Küche ist unglaublich lecker, sehr gehaltvoll und wir probieren uns fast durch die komplette Speisekarte. Es gibt gegrillten Sulguni (leicht gesalzener Kuhmilch-Käse), Odjachuri (Kartoffeln mit Schweinefleisch, gebraten mit Knoblauch, Zwiebeln und Weißwein), Taschmdjabi (Kartoffelbrei mit geschmolzenem Käse - pervers gut!), Kubdari und Lobiani (Brot gefüllt mit Rindfleisch oder Bohnenmus) und natürlich darf auch Chatschapuri (die georgische Käsepizza) nicht fehlen.

Wie in den meisten kleineren Orten gibt es auch hier keinen Supermarkt sondern viele kleine Läden in denen es alles und nichts gibt. An einem solchen halten wir an und noch bevor Lina die Schuhe an hat, bekommt sie schon ein Plätzchen von der Frau aus dem Laden geschenkt. Wir gehen rein und fragen nach Milch. Hat sie grade keine, macht aber Melkgebärden und sagt etwas auf georgisch dazu. Ja klar, wir nehmen gerne auch frische Milch. Sie schickt eine andere anwesende Frau raus und kurz später kommt diese mit zwei Litern warmer frisch gemolkener Milch in einer Limonadenflasche zurück. Dazu noch ein großer runder Sulguni. Toll! Wir bezahlen fast nichts und bedanken uns herzlich. Ein Mann hält noch ein Feuerzeug unter die Flasche um uns zu verstehen zu geben, dass wir die Milch noch erhitzen sollen. Wissen wir doch, sind ja auch vom Land ;-) Der Geruch erinnert mich an meine Oma und die frische Milch von "der Pfütze". Hmmm....

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Kommentare: 1
  • #1

    Peter & Tina (Sonntag, 09 Oktober 2016 00:11)

    Wunderschöne Bilder,ein wundervoller Reisebericht! Wir sind froh,das es euch gut geht und ihr auch die jetzt kommende kalte Zeit gut überstehen werdet! Wir sind hier schon am frieren und überlegen,für ein paar Tage in die Sonne zu fliehen ;-) Bleibt weiterhin gesund und viele tolle Erlebnisse wünschen wir euch von ganzem Herzen ♥♥♥ Liebe Grüße an euch Drei :-)