Neues Land und erstmal krank!

Vor uns liegt der kleine Grenzübergang bei Lagodekhi. Auf aserbaidschanischer Seite wird wieder genaueste Rockyinspektion betrieben und auch die Pässe schaut man sich sehr gründlich an. Irgendwann scheinen alle mal einen Blick in unser Auto geworfen zu haben und wir dürfen weiter zur georgischen Seite fahren. Hier geht alles ganz schnell, freundlich und sehr entspannt. Kurzer Blick in den Rocky und die Pässe. Fertig. 

Und dann sind wir in Georgien. Seit Anfang Juni als wir nach Russland einreisten, begleitet uns die kyrillische Schrift und wir hatten uns schon sehr daran gewöhnt. In Aserbaidschan konnte man wieder fast alles lesen, bis auf ein paar umgedrehte "e's". Hier in Georgien können wir komplett überhaupt nichts entziffern, denn die Schrift besteht aus unbekannten Kringeln und Schnörkeln. Nur hin und wieder sehen wir Schilder in arabischer Schrift. Na, das kann ja spannend werden!
Der Verkehr hat sich auch mal wieder geändert. Wurde in Russland sehr dynamisch gefahren, hieß es in Aserbaidschan Reiten durch die Steppe, hin und her, wie in der Mongolei. Markierungen und Striche interessieren keinen, überholen kann man immer und überall. Die Georgier dagegen fahren wie die Henker! Es wird gehupt, an völlig unübersichtlichen Stellen überholt, gerast und gedrängelt. Da muss man seine Augen überall haben und hellwach sein. Anstrengend! 

Und so versuchen wir uns erstmal zurecht zu finden in diesem noch völlig unbekannten Land. Wir brauchen Telefonkarten, Geld, ein paar Lebensmittel und Informationen über die Gegend. Fiel uns das Organisieren bisher nie so schwer, hakt es hier irgendwie von Anfang an. Wir sind müde von der vielen Fahrerei, voll von den vielen Eindrücken und vielleicht fällt auch gerade die Anspannung der vergangenen Tage ab. Unser Denken ging nur bis zu diesem 14. September an dem wir über die Grenze fahren mussten, weil unser Visum endete. Und jetzt? Was machen wir in Georgien? Gerade ist uns die Kraft und auch die Lust für diese Reise etwas abhanden gekommen. Können wir überhaupt noch mehr aufnehmen? Wie lange wollen wir noch unterwegs sein? 

Und dann nimmt das Unheil immer weiter seinen Lauf. Es gewittert nachts heftig und regnet rein. Unser Fenster ist undicht. Straßenhunde bellen so laut, dass wir nicht schlafen können. Unsere letzte Gaskartusche ist leer, nirgendwo finden wir neue und auch keinen Spiritus für den anderen Kocher. Als erst Lina und danach ich auch noch krank werde, ist der Tiefpunkt erreicht. Zwar haben wir nur Fieber und Durchfall, aber das ist einfach der Tropfen der noch gefehlt hat. Wir haben Dank unserem Freund und Apotheker eine gut ausgestattete Reiseapotheke und können uns erstmal selbst helfen. Und doch ist es nicht ohne, wenn das Kind weit weg von zu Hause und dem bekannten Kinderarzt nachts fiebert und glüht. Es geht uns recht schnell körperlich wieder gut, auch wenn der Durchfall nicht recht verschwinden will. 
Wir brauchen aber vier Tage um uns mal richtig auszuruhen und klar zu werden was wir eigentlich wollen.

Über das völlig wuselige Tsnori und das nette Örtchen Sighnaghi fahren wir nach Telavi, einem hübschen Städtchen. Wir sehen die ersten Granatapfelbäume und die vielen Weinstöcke die überall wachsen. Sucht man hier etwas, muss man durch die Straßen laufen und in die Läden schauen. Denn die Schilder kann man nicht lesen, wenn es überhaupt welche gibt. Besonders typisch dafür sind die Backstuben. Meistens gibt es nur ein kleines Fensterchen durch das die Brote nach draußen gereicht werden. Späht man hinein, sieht man einen runden Steinofen in dem die großen charakteristischen Fladenbrote gebacken werden. Aber auch nur die. Für 0,40-0,70 Lari. Das sind zwischen 15 und 30 Cent. Und es ist meistens noch warm. Lecker!
Silikon zum Fenster abdichten finden recht schnell, passende Gaskartuschen dagegen gar nicht. Also kaufen wir einen neuen Kocher mit einer ziemlich großen Flasche für 33 Lari. Schließlich finden wir auch noch jemanden der sie uns auffüllt (mit Zigarette im Mundwinkel....). 

Wenn wir jetzt noch eine Dusche finden könnten! Laut google maps hat Telavi ein Freibad. Da wollen wir hin! Der Parkplatz ist groß, von Palmen gesäumt und leer. Hat wohl schon geschlossen. Dann verbringen wir halt die Nacht hier und gehen morgen schwimmen. Als wir gerade kochen, taucht der Hausmeister auf, macht Spässchen mit Lina und bringt noch eine Flasche Wein vorbei. Nach ein paar russischen Trinksprüchen verabschiedet er sich wieder, die Flasche lässt er da. Übrigens eine Plastikflasche in der ursprünglich eine Limonade mit Schokolade war....

Auch am nächsten Tag wird aus unserem Bad nichts, das Schwimmbad scheint gar nicht mehr offen zu sein. Schade! Dann muss ein Fluss her. 

Wir entschließen uns, die georgische Heerstrasse hoch in Richtung russische Grenze zu fahren. Bis Achmeta ist die Straße noch recht gut, aber dann geht es bis Tianeti kreuz und quer durch den Wald auf kleinen Feldwegen. Zum Glück schläft Lina ein und verpasst den größten Teil der langen hoppeligen Fahrt. Noch eine fiese Baustelle, dann sind wir in Zhinvali und dem großen Stausee an der Heerstrasse, der auf der Karte wie eine große Friedenstaube aussieht. 

Bei strahlendem Sonnenschein kehrt unsere Reiselust Stück für Stück wieder zurück, wir besichtigen das hübsch gelegene Kloster Ananuri und plaudern mit einer deutschen Reisegruppe. Länger haben wir keine Touristen mehr getroffen. Auch mal wieder nett.
Nach einer Nacht am Fluss kommt dann auch noch die ersehnte Erfrischung. Wir betreiben ausgiebige Körperpflege, Lina badet umgeben von Pferden in der Waschbütt, wir schneiden uns gegenseitig die Haare und fühlen uns danach wie neu geboren!

Die Fahrt durch die Berge ist wirklich wunderschön und in Stepansminda herrscht eine besondere Atmosphäre finden wir. Das Örtchen würde es ohne Touristen wohl so gar nicht geben, aber als Ausgangspunkt für viele Wandertouren und Jeepfahrten wimmelt es hier nur so von Einheimischen die etwas verkaufen wollen oder Taxifahrten anbieten und Reisenden aus allen möglichen Ländern. Wir stehen mitten auf dem großen Platz wo alle Fäden zusammen laufen und beobachten bei geöffneter Rockytür das Treiben. Wie schon so oft, werden wir für einen Kiosk gehalten und immer wieder fragen uns die Leute was wir denn verkaufen. Eine neue Geschäftsidee? 

Auf dem Spielplatz lernen wir die Moskauer Olga und Vitaliy mit der kleinen Sascha kennen, die genau am gleichen Tag wie Lina geboren wurde. Wir beschließen zusammen im "Cozy Corner" essen zu gehen. Zum ersten Mal trinken wir georgischen Wein, essen Chatschapuri (gefüllter Teig mit georgischem Käse... köstlich!) und Ostri (butterzartes Gulasch in scharfer dunkler Tomatensoße... auch super lecker!). Die Kellner sind lustig und nett, haben aber selbst wohl schon zu viel Wein getrunken, denn unsere Bestellung kommt nach und nach über eine gute Stunde verteilt. Unsere Mädchen stört es nicht weiter, sie rennen und tanzen durch das komplette Restaurant. Total süß! Wir unterhalten uns gut mit den Eltern und tauschen Reiseberichte aus. Auf dem Heimweg sage ich etwas weinselig: "Ach jetzt würde ich gerne noch einen Wein trinken!" Da ruft Lina auf Papas Schultern: "Wo kriegen wir denn jetzt noch Wein her in diesem tollen schönen Land?" :-))) Kein Problem, am Kiosk an der Ecke! Zum Abschluss dieses wirklich endlich mal wieder so rundum gelungenen Tages, gesellt sich dann noch Hildegard aus Schweden auf ein Gläschen zu uns in den Rocky. Sie ist knapp 80 und mit ihrer Squaredancetruppe hier. In Lübeck wurde sie geboren, musste im Krieg fliehen und kam schließlich nach Stockholm. Interessante Frau, die viel zu erzählen hat. Und Lina hat ihr ein Bild gemalt.

Die Fahrt in Richtung Hauptstadt Tbilisi ist verregnet und grau. Wir machen trotzdem den einen oder anderen Halt an Aussichtspunkten und treffen noch ein paar Gleitschirmflieger, doch bei diesem Wetter "geht's nur runter" sagen sie.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0