Im Schweinsgalopp durch Aserbaidschan

Der Tag beginnt damit, dass Lina sich auf der Fahrt vom russischen Derbent zur Grenze das Frühstück auf den Schoß spuckt. Vielleicht zu viel warme Milch in Kombination mit zu viel kalter Melone? 
Weiter geht es mit einem leichten Schock als wir nochmal kurz unsere Visa checken.
Wir haben nämlich für Aserbaidschan noch einen Tag weniger als wir dachten, es endet schon am 14. September. Übermorgen! Gut, dass das Land so klein und die Grenze zu Georgien nicht so weit weg ist. 650 Kilometer müssen wir schaffen inklusive Umweg über Baku.

Die Grenze zu Aserbaidschan ist von vornherein anders als alle die wir bisher erlebt haben. Sie beginnt mit einem großen verschlossenen Stahltor. Ratlos stehen wir davor. Und jetzt? Ein Uniformierter bedeutet uns zu hupen. Okay, machen wir. Dann kommt auch schon bald jemand und öffnet. Auf ein kleines Zettelchen schreibt er unsere Vornamen. Lina, Michael und Geb Gucker. So heiße ich lustigerweise öfter mal. Und dann folgt eine sehr ausgiebige Rockydurchsuchung. Sogar die Kisten auf dem Dach müssen wir zum ersten Mal öffnen. Weiter geht's bei der Passkontrolle. Ein etwas gelangweilter, aber freundlicher Russe am Schreibtisch befragt uns vorher noch sehr genau woher wir kommen, wohin wir wollen, was wir alles dabei haben, ob wir Antiquitäten und wertvolle Gegenstände mitführen, wieviel Geld usw. Er gibt vor, nur russisch zu sprechen, hat aber ein englisches Buch auf dem Schreibtisch liegen und scheint uns doch sehr gut zu verstehen. Ein letztes Mal "Spasibo!" und "Do svidanya!", danach geht es zur aserbaidschanischen Seite. 

Hier wird noch genauere Rockyinspektion betrieben, wir müssen zum ersten Mal sogar hinten ein paar Sachen ausräumen die durchleuchtet werden und es kommt ein Hund zum Einsatz. Lina findet das total lustig und fragt immer wieder, warum denn ein Hund im Rocky war. Was Drogen sind, versteht sie nicht so richtig.... Irritierend sind die vielen verschiedenen Beamten die gleichzeitig in alle Türen schauen und es ist schwer den Überblick zu behalten, auch Männer ohne Uniform sind dabei, auf die passen wir besonders auf. Kann ja jeder kommen.... Kommt es mir nur so vor oder hält sich vorne keiner lange auf wo Linas Sitz keinen guten Geruch verströmt?
Und dann beginnt das richtige Durcheinander. Wir stehen mit einigen LKW-Fahrern an einem langen Schalter an mit mehreren Fenstern. Wir sollen an das mittlere gehen. Es geht wohl um den Rocky, Passkontrolle scheint später zu kommen. Kamen wir bisher immer noch mit einzelnen Brocken russisch gut zurecht, verstehen wir hier gar nichts mehr. Englisch versteht der Beamte auch nicht. Dann gibt er uns einen Zettel mit einer "60" drauf und das sollen wir wohl bei seinem Kollegen nebenan bezahlen. Wofür? Bekommen wir eine Quittung? Schließlich kommt jemand der englisch spricht. Wir sollen 40 Dollar Steuern und 20 Dollar Versicherung bezahlen. Okay, machen wir. Allerdings nehmen sie keine Visa Karte und Dollar haben wir nicht. Und jetzt? Hinter der Passkontrolle gibt es wohl einen Geldautomat, aber da dürfen wir noch nicht hin. Zum Glück fällt Michi ein, dass wir noch Euro haben. Die nehmen sie auch, prima! Zwischenzeitlich hat Lina nochmal gebrochen und wir hatten kurz unsere Visa Karte verloren, die dann aber wieder auftauchte. Jetzt nur noch schnell die Passkontrolle und wir müssten es geschafft haben. Die Beamten am Tor nach draußen scannen unseren Zettel, aber das Licht bleibt rot. Wohl kein gutes Zeichen. Im besten englisch sagt der eine zu uns, wir sollen nochmal zurück fahren und zu den Kollegen (die ja kein englisch sprechen meint er) sagen: "Aktiv Strichcode". Machen wir und dann klappt es, wir können durchfahren. Salam Aserbaidschan!

Trotz der knappen Zeit wollen wir gerne die Hauptstadt Baku sehen und fahren noch die 200 Kilometer an der Küste entlang. Die sind eher trostlos, mit viel verfallener Industrie und kahler Natur. Was uns aber auffällt, sind die vielen geschlachteten Schafe die überall am Straßenrand rumhängen. Wir erfahren später, dass hier gerade das Schafsfest gefeiert wird und die Reste an die Armen verteilt werden.

Baku erreichen wir mit Anbruch der Dunkelheit, Lina ist begeistert von den vielen bunt blinkenden Gebäuden. Wir finden einen guten Platz für die Nacht in einer Seitenstraße und kaufen noch im nahen Supermarkt ein. Bei geöffneter Rockytür essen wir und beobachten zwei Männer die sich in der Nähe unterhalten. Sie kommen zu uns rüber. Der ältere ist der Wachmann der an der Schranke zum Parkplatz des Hauses sitzt und der jüngere erzählt, dass er dort wohnt. Nebenan ist ein Regierungsgebäude und daneben wohnen die Angestellten. Wir fragen, ob wir hier übernachten dürfen und beide stimmen zu. Der jüngere Mann spricht sehr gut englisch und wir unterhalten uns nett mit ihm. Er erzählt auch, dass es zwei Routen Richtung Grenze gibt. Die untere geht durch die Steppe und die obere durch die Berge. Qabala liegt im Großen Kaukasus und hat sogar ein Ski-und Fluggebiet. Das hört sich gut an, die nehmen wir. Außerdem fahren wohl die LKW die untere Strecke weil sie weniger kurvig ist und der Grenzübergang in den Bergen ist dadurch ruhiger. 

Aber jetzt erstmal die Hauptstadt anschauen von der ich bisher nur weiß, dass hier mal ein Eurovision Song Contest stattfand. Die Nacht ist halbwegs ruhig bis auf ein paar obligatorische Raser. Am nächsten Tag haben wir strahlendblauen Himmel und es ist sehr warm. Baku hat einen alten Stadtkern und dort fühlt man sich gleich wie in 1001 Nacht. Man merkt, dass der Nachbar Iran ganz nah ist und von Russland spürt man gar nichts mehr. Es werden Teppiche verkauft, Lampen, Krüge und allerlei bunte Tücher, Deckchen und Taschen. Die Verkäufer preisen ihre Waren an und beginnen sofort zu handeln. Wir fühlen uns wie auf einem persischen Bazar. Die Stimmung in der Stadt ist bunt, lebendig, orientalisch und sehr freundlich. Lina wird von allen Seiten angelächelt, ihr wird über den Kopf gestrichen und sie wird fotografiert. Mit einem jungen Paar aus dem Iran reden wir kurz und die beiden laden uns herzlich ein, doch ihr schönes Land zu besuchen. Ja, das wollen wir wirklich gerne mal tun.
Nachdem wir gut und typisch aserbaidschanisch gespeist haben in einem Restaurant mit schönem Innenhof und etwas tranfunzeligem Kellner, schlendern wir noch ans Ufer des Kaspischen Meers. Baku macht auf uns den Eindruck einer modernen pulsierenden Metropole mit altem traditionellen Kern. Es gefällt uns sehr gut hier. Mir speziell gefallen hier auch besonders die Männer, die hier dunkles Haar und auffällig helle Augen haben. Bisher die schönsten Männer der Reise, außer meinem eigenen versteht sich... :-)

Aber wir müssen leider schon weiter ziehen. Auf dem Weg nach Qabala kommen wir an vielen Ständen mit Obst, Gemüse, Süßkram und vielem mehr vorbei. Besonders auffällig sind die großen runden Scheiben in Rot- und Orangetönen. Was mag das sein? Lina und ich kaufen zwei Stück und erfahren, dass sie aus einer Art Fruchtmark aus Äpfeln und Sanddorn bestehen. Sie schmecken salzig und sehr intensiv. Der junge Mann aus Baku hat wirklich nicht zu viel versprochen, die Strecke ist sehr schön. Wir sind überrascht, wieviel Wald es hier gibt. Und überall kleine Cafés, Picknickplätze, Restaurants und hübsche Imbissbuden.

In Qabala stehen wir nachts auf dem Parkplatz vom Lift und als ein Reiter vorbei galoppiert, staunen wir nicht schlecht. Bis wir zur Ruhe kommen, wird es späte Nacht. Denn Lina kann nicht schlafen. Ihr Eisbär, der regelmäßig zum Braunbär mutiert, musste mal wieder dringend in die Waschtonne. Sie hat ihn sogar selbst hinein gesteckt, aber als er dann beim Einschlafen nicht da ist, nimmt das Drama seinen Lauf. Alles Beruhigen hilft nichts, der Bär muss herbei. Nass und kalt wie er ist, erst dann kehrt Ruhe ein. Endlich!
Und dann ist die Zeit in Aserbaidschan schon wieder vorbei, es war kurz, aber schön. Wir geben die letzten Manat noch am Straßenrand aus für köstliche Sesammandeln und klebriges Honignussgebäck und Lina bewaffnet sich mit einem großen Grenzlolli. Georgien wir kommen!

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Kommentare: 1
  • #1

    Ela (Mittwoch, 28 September 2016 23:22)

    Nabend Lina, Michael und Geb Gucker,
    die letzten drei Reiseberichte waren wieder spannend und lustig zugleich. Ihr schreibt echt toll. Man kann sich das alles voll gut vorstellen.
    Auch die Fotos sprechen wieder für sich. Danke fürs Mitnehmen in einen Teil eurer Reise.
    Was wird Lina nur nächstes Jahr ohne Grenzlollis machen? Sicher fällt euch da was anderes für ein.
    Hier ist es immer noch total schön und sonnig und das Ende September.
    Küsschen
    Ela