Wir lagen vor Stalingrad

Gleich nach dem Frühstück fahren wir die paar Meter bis zur russischen Grenze und sind gespannt, ob Lina ihren Grenzlolli diesmal fertig lutscht bis wir durch sind. Auf kasachischer Seite geht alles recht zügig, die Russen sind auch recht fix und dann erleben wir eine Premiere.
Wir sollen auf die LKW-Seite fahren und werden nach kurzer Rocky-Inspektion noch zur Röntgenkontrolle gebeten. Das heißt, einmal in die Röhre fahren, alle aussteigen, in separatem Räumchen warten und dann wieder einsteigen. Komisches Gefühl, den Rocky aus den Augen lassen zu müssen. Darin ist schließlich unser komplettes Hab und Gut. Aber es ist alles gut und wir können bald weiter fahren. Nach insgesamt ungefähr einer Stunde geht das Tor auf und wir sind mal wieder in Russland. Strastwuitje! 

Unser Transitvisum geht 7 Tage und endet, genau wie unser Azerbaidschan-Visum, am 15. September. Das heißt, wir haben ziemlich wenig Zeit für ziemlich viele Kilometer. Doch das Kaspische Meer wäre keine Alternative gewesen und unser Azerbaidschan-Visum wollen wir auch nicht verfallen lassen. In Georgien haben wir dann keinen Visa-Stress mehr und könnten theoretisch 360 Tage bleiben. Aber soweit sind wir ja noch nicht. Jetzt heißt es erstmal 1800 russische Kilometer in drei Tagen bewältigen.

Im ersten größeren Ort kaufen wir ein und sind mal wieder geflasht vom plötzlich so großen Warenangebot. Und was uns noch mehr umhaut, ist die Freundlichkeit der Menschen. Wir werden wieder angelacht und was wir in insgesamt dreieinhalb Wochen Kasachstan nicht einmal erlebt haben, passiert hier in den ersten Stunden: Lina wird beschenkt! Als ich mit ihr auf Michi warte der noch Geld abhebt, redet eine ältere Frau aus einem Laden mit uns. Sie herzt Lina, geht extra in den Supermarkt und kauft ihr ein Twix. Einfach so! Ich kann es kaum glauben! Nach unserem Einkauf winken wir ihr nochmal zu und freuen uns, wieder in einem Land zu sein in dem wir uns wohl fühlen. Es wird wieder wild überholt und grundsätzlich zu schnell gefahren. Michi ist glücklich ;-)

Polizeikontrollen gibt es hier im Süden Russlands zwar auch viele, aber eigentlich nur an Ortsgrenzen und bei Einfahrt in Teilrepubliken und autonome Regionen des Nordkaukasus wie Tschetschenien und Dagestan. Meistens kann man nach kurzer Begrüßung und Erklärung wohin man will, direkt weiter fahren oder muss nur mal die Papiere vorzeigen. Selten sollen wir die Tür öffnen und wenn, dann wohl eher aus Interesse. Die Beamten sind durch die Bank freundlich und lachen uns oft kopfschüttelnd an beim Blick auf die Route. 
Ach, wir mögen die nach außen oft so harten, aber Grunde sehr herzlichen Russen. 

Um die vielen Kilometer zu schaffen, legen wir zwei Nachtfahrten ein. Das funktioniert bei den ordentlichen Straßen recht gut, Lina schläft prima und wir kommen schnell voran. Und so bleibt sogar noch Zeit uns das eine oder andere anzuschauen.

In Wolgograd, dem ehemaligen Stalingrad, ist der weithin sichtbare Mamajew-Hügel sehr sehenswert. Dort befindet sich die Gedenkstätte der Schlacht von Stalingrad mit der 85 Meter hohen "Mutter Heimat ruft"- Statue. Sie zählt zu den höchsten Statuen der Welt und allein das Schwert ist 33 Meter lang. Doch die gesamte Anlage ist beeindruckend. Die Halle zum Gedenken der über 30.000 gefallenen Soldaten, die große ewige Fackel, die Ehrenwache, die pathetische Musik und Originalradiodurchsagen sorgen für eine bedrückende Stimmung. Unsere Eltern haben noch erlebt, wie furchtbar Krieg im eigenen Land ist, viele Menschen müssen genau das auch gerade durchmachen. Wir sind jetzt durch so viele Länder gereist und haben den Eindruck, dass wir Menschen doch eigentlich alle nur das eine wollen: in Frieden leben. 

Vom Mamajew-Hügel aus hat man einen guten Ausblick über die Stadt und auf die Wolga. Unser Mittagessen haben wir an einem schönen Wolgastrand. Es ist ganz warm und sonnig, Lina hat ihre helle Freude im flachen Wasser. Bevor wir uns auf die Weiterreise machen, haben wir noch eine sehr nette Begegnung. Es hat sich mal wieder ein großer Berg Wäsche angesammelt und zum Glück finden wir einen Waschsalon. Die junge Frau spricht sogar deutsch und erzählt, dass sie einige Jahre in Rostock gelebt hat. Wir danken ihr sehr für die frisch duftende und heiß gemangelte Wäsche und verabschieden uns von ihr und Wolgograd.
Fast haben wir es schon vermisst: eine ganze Traube Kinder vor dem Rocky und teilweise auch darin. Irgendwo unterwegs machen wir Rast an einem Spielplatz. Die gesamten Kinder des Ortes scheinen gerade hier zu sein. Das Spielgerüst ist mit Sicherheit komplett überladen, aber das interessiert hier keinen. Lina wird von einem älteren Mädchen unter die Fittiche genommen und kommt so in dem Getümmel nicht unter die Räder. Während ich Kaffee koche, kommen immer wieder kichernde Kinder vorbei und wollen einen Blick in das große Auto erhaschen in dem die Fremden wohnen. 

Die Füssener aus Karakol hatten uns vor einem fehlenden Streckenabschnitt am Wolgadelta gewarnt und so fahren wir über Elista nach Derbent. Die südlichste und älteste Stadt Russlands liegt am Kaspischen Meer und wirkt auf uns schon gar nicht mehr russisch, sondern eher etwas orientalisch. Sie zählt mit ihrer Festung, sowie der von Stadtmauern umgebenen Altstadt mit der Zitadelle, Bädern, Zisternen und Moscheen, zum Unesco Weltkulturerbe.

Wir wollen die letzte Nacht in Russland hoch oben an der Burg verbringen. Dummerweise verpassen wir irgendwie den Abzweig und fahren statt auf direktem geteertem Weg, über die Abenteuerroute nach oben. Nach viel Geschlängel auf winzig kleinen steilen Schotterwegen kommen wir hinter der Burg an und werden verwundert von ein paar Männern beäugt die wir wohl gerade beim Essen stören. Sie öffnen uns freundlicherweise das Tor und so gelangen wir endlich auf den Parkplatz direkt vor dem Eingangstor. 

Es ist ein lauwarmer Sommerabend, viele Leute sind noch auf den Beinen und so schauen wir uns auch noch ein bisschen um bevor wir kochen. Die Aussicht auf die vielen Lichter der Stadt begeistert Lina und sie balanciert über die Mauern. Wir lernen ein paar nette Shisha-Jungs kennen und Lina wird mit Eistee und Chips beschenkt. Immer wieder fahren Autos mit lauter Musik vor, Lina tanzt dazu und als ich alte deutsche und englische Hits aus den 80ern höre, fühle ich mich mal wieder wie in einer anderen Welt. Der Platz mausert sich immer mehr zur Party Location und bis spät in die Nacht dröhnt aus allen Richtungen laute Musik in allen möglichen Sprachen. Lina schläft, wir nicht. 

Dementsprechend unausgeschlafen schauen wir uns am nächsten Morgen die Festung dann im Hellen von innen an. Wir sind überrascht von dem schön angelegten Park und der Größe der Anlage. Es gibt sogar zwei kleine Museen. 

Nach einem letzten Blick über die Stadt und auf das Meer, machen wir uns auf um die letzten Kilometer in Russland hinter uns zu bringen. Wir haben es tatsächlich geschafft, vor uns liegt Azerbaidschan.

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