Wo Raketen starten und Seen austrocknen

Schaut man sich die Karte vom Westen Kasachstans an, sieht man vor allem eins: NICHTS. Und so fahren wir auf sehr gut ausgebauter Straße (peinlich genau auf die Geschwindigkeit achtend versteht sich...) durch die Weiten der Steppe. Die Sonne brennt, jeder noch so kleine Fluss wird zur Erfrischung mitgenommen.
Lina spritzt sogar die Kühe mit ihrem Spritzeseepferdchen nass: "Denen ist nämlich auch warm!" Für etwas Abwechslung sorgen die vielen Kamele und Mausoleen rechts und links der Strecke. 

Beim Mausoleum Sunak Ata biegen wir ab und finden uns inmitten einer archäologischen Ausgrabungsstätte wieder. Überall anders wäre wohl alles weiträumig abgesperrt, hier nicht. Hier heißt es Geschichte zum Anfassen. Und so kramen wir ein bisschen in einem Berg Scherben und Knochen rum, laufen an ein paar Kühen vorbei durch halb frei gelegte alte Mauern und schauen den Arbeitern beim Werkeln zu. Also einer arbeitet, der Rest schaut zu und fragt, ob wir aus Kanada kommen. Einer von ihnen hat noch einen Zweitjob und geht mal eben mit den Männern einer anderen Besuchergruppe in eine kleine Moschee zum Beten. 

Unseren Nachtplatz hatten wir eigentlich schon an einem großen Fluss mit tollem Matschesand für Lina gefunden. Doch als sich plötzlich der Himmel verdunkelt, man die Sonne kaum noch sieht und der Wind stark zunimmt, ahnen wir, dass hier ein Sandsturm kommt. Blöd. Also weg vom Sandstrand und doch noch ein paar Kilometer weiter fahren. 

Eigentlich wollten wir erst am Morgen hier sein, aber jetzt stehen wir schon abends auf dem Parkplatz der Gedenkstätte für Khorkhyt Ata, um den sich eine schaurig-schöne Legende rankt. Er war Dichter, Philosoph, Heiler und Musiker. Außerdem hat er die Kobyz erfunden, ein traditionelles kasachisches Saiteninstrument. Gespannt laufen wir die Treppenstufen nach oben und stehen vor einem acht Meter hohen Gebilde aus vier Röhren. Der Wind pustet in die Öffnungen die in alle vier Windrichtungen zeigen und wir hören leise Töne. Mitten in der Steppe, in der dunklen Nacht. Spannend!
Im Hellen ist das Ganze auch nochmal beeindruckend und der starke Wind hat sogar etwas Abkühlung mitgebracht, juhu!

Als nächstes fällt uns auf der Karte Baikonur (die Autokorrektur macht daraus Balkontür, auch lustig) ins Auge. Denn dort liegt der weltgrößte Raketenstartplatz. Die Stadt und das streng bewachte Kosmodrom stehen unter russischer Verwaltung und Pacht. Von hier aus flog Juri Gagarin als erster Mensch ins All und mit Siegmund Jähn auch der erste Deutsche. Heute startet leider keine Rakete, erst im September wieder. Schade eigentlich, das Schauspiel hätten wir uns gerne angesehen. Weiter als bis zur Schranke kommt man nicht und da das Gelände so riesig ist, sieht man natürlich auch nichts. Dass es in der Gegend immer wieder zu Raketenabstürzen kommt, hochgiftiger Treibstoff austritt und die Kindersterblichkeit sehr hoch ist, macht nachdenklich.

Also wandern wir weiter. Genauso wie die Kamele am Straßenrand und der Riss in unserer Scheibe. Bald ist er oben angekommen. Gibt es hier carglass?

Das Spannendste in Aralsk ist, dass die Ampeln viereckig sind und es dort in der Nähe wohl einen Schiffsfriedhof gibt. Laut Karte zumindest. Wir finden ihn trotz vielem Suchen und Fragen allerdings nicht. 
Die Gegend hat eine traurige Geschichte. Denn einst war hier der riesige Aralsee von dem jetzt nur noch zwei kleine Überreste geblieben sind. Die Menschen lebten vom Fischfang, es ging ihnen gut. Nach und nach verschwand der größte Teil dieses riesigen Salzsees durch Austrocknung und damit änderte sich auch das Klima. Sehr heiße Sommer und bittere Winter waren die Folge. Doch die Menschen, die hier unter härtesten Bedingungen leben, geben nicht auf. Sie warten darauf, dass das Wasser zurück kehrt und für einen der Restseen gibt es auch wirklich eine Chance.

Auf dem Weg nach Norden in Richtung russische Grenze fängt es auf einmal an zu regnen, mal was ganz Neues. Leider verschmiert direkt unsere tolle Rocky-Bemalung wieder, aber ansonsten tut die frische Luft sehr gut. Wir müssen mehrfach mit unserem Ersatzkanister nachtanken, denn immer wieder heißt es an den Tankstellen "No Diesel!".
In Aktöbe ruhen wir erstmal zwei Tage von der vielen langweiligen Fahrerei aus und genießen es, mal ganz normale Dinge zu machen, die Familien mit Kindern eben so machen. Und seit wir ein Kind haben, weiß ich auch warum. Wir hängen in einem großen Einkaufszentrum ab, essen Fast Food (mal nicht kochen!!) und Lina kommt voll auf ihre Kosten in einem gigantischen Spieleparadies. Ein bisschen Kultur gibt es dann aber doch auch noch, im Park nebenan steht eine orthodoxe Kirche und eine Moschee. Es wird mal wieder fleißig mit dickem Hummer geheiratet und im Park fotografiert. Schon von Weitem sieht man, dass das die schlechtesten Bilder der Welt werden. Michi zieht alle Blicke auf sich, als er auf dem Rockydach rum turnt. Es hatte sich eine Kiste gelöst und die muss wieder irgendwie fest getüddelt werden. Jetzt wissen wir auch, warum wir so oft Lichthupe bekamen... Direkt vor unserem Rocky strandet dann noch ein Auto junger Kasachstaner und wir leisten Werkzeug- und Starthilfe. Als Dank erhalten wir im Gegenzug einen klar abgesteckten Graben aus Rotzspucke um den Rocky herum. Dass wir gerade essen und das eklig finden könnten, interessiert nicht weiter. Macht man hier wohl so.

Zu unserem Glück fehlt jetzt nur noch ein Schwimmbad. Und das gibt es hier laut Google Maps sogar. Die Tasche ist gepackt und Lina fragt hundert mal, ob es da auch eine Riesenrutsche gibt. Der Eingangsbereich verheißt allerdings nichts Gutes. Wartende Menschen und eine große Uhr. Das kommt uns doch aus Omsk sehr bekannt vor. Die junge Frau an der Anmeldung lacht zwar viel, versteht aber kein Wort und gibt sich auch keine Mühe uns irgendwas zu erklären. Dank Übersetzungsapp verstehen wir aber dann, dass man ein ärztliches Attest braucht und auch nur zu festen Zeiten jeweils eine Stunde die heilige Schwimmhalle betreten darf. Na prima! 

Da die Straßen so gut sind, haben wir es erstaunlich schnell geschafft und erreichen Uralsk. Nur noch wenige Kilometer bis zur Grenze. Auf dem Parkplatz eines Vergnügungsparks finden wir den perfekten Platz für die letzten Tage in Kasachstan. Dieser hatte schon bessere Zeiten, aber es gibt vor allem für Lina viel zu erleben und weitläufige Grünflächen. Wir schauen der "Singenden Fontäne" zu, genießen die Aussicht vom Riesenrad aus, fahren Spassfahrrad und Tretboot, gehen im Fluss baden, hoffen dass Lina später nicht auch mal so unsagbar affige Selfieposen veranstaltet wie die jungen Kasachstanerinnen und essen lustige Böbbelwaffeln. 

Damit es entspannt bleibt, haben wir noch einen kompletten Tag für den Weg zur Grenze. Und das ist auch gut, denn das letzte Stück hat es nochmal in sich. Schotterpiste mit Wellblech vom Feinsten. Höchstgeschwindigkeit 30 km/h. Wir treffen seit Langem mal wieder ein Auto mit einem anderen Kennzeichen und dann auch noch mit einem deutschen. Die Fahrerin erzählt, dass sie ihre Mutter bei Almaty zum ersten Mal mit dem Auto besuchen will. (Ja dann, viel Spaß und immer schön auf die Schilder achten. Denken wir, sagen wir aber nicht.)

Über unsere Erfahrungen mit der kasachstanischen Polizei könnte ich jetzt seitenweise schreiben. Wie oft wir kontrolliert wurden, haben wir schon gar nicht mehr mitgezählt, aber zwei Hände reichen nicht aus. Meistens konnte man uns nichts vorwerfen und musste uns leider nach langem Hin und Her wieder ziehen lassen. Für schwere Delikte wie ohne Licht tagsüber in der Stadt fahren, wurde Schmiergeld gefordert (natürlich so, dass es weder der Kollege noch der Beifahrer sieht, gerne unter dem Ausweis) und wegen 2 km/h zu schnell, wurde sogar mehrfach mit Blaulicht gewendet und die Verfolgung aufgenommen. Gezahlt haben wir nichts, aber viel Zeit aus Willkür und Geldgier verplempert. Auf Rasenflächen rumzulaufen sollte man übrigens auch vermeiden wenn man nicht angebrüllt und mit Trillerpfeifenkonzert bedacht werden will. Dass Lina im Supermarkt dann auch noch beschuldigt wurde Überraschungseier geklaut zu haben und der Sicherheitsdienst gerufen wurde, hat dem Ganzen die Krone aufgesetzt. Das alles wirft für uns einen großen Schatten über dieses Land und bis zur Expo sollten die Kasachstaner mal ihre Einstellung zu Besuchern gründlich überdenken. Und wenigstens ein paar Brocken englisch in Cafés/Restaurants/Läden/Sehenswürdigkeiten könnten nicht schaden. Oder zumindest der gute Wille. Wie erklärte uns ein ausnahmsweise wirklich netter aufgeschlossener junger Mann in Aktöbe: "Kasachstan braucht Geld für die Expo nächstes Jahr. Die Polizei kontrolliert deshalb so viel." Tja, so lange das Geld in den Taschen der Polizisten landet, hat nur der Staat leider gar nichts davon. 
So viel wollte ich darüber eigentlich gar nicht schreiben, aber es ist einfach ärgerlich und hat unsere Stimmung ganz schön in den Keller gezogen. Egal. Kasachstan ist und wird nicht unser Land.

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