Eine Schlange, ein Tunnel und Schnaps zum Frühstück

Mit jedem Höhenmeter den wir von den 4000 Metern runter fahren, wird es auch wieder Stück für Stück wärmer. Unten am See angekommen, ist es so heiß, dass wir gleich die langen Hosen und Pullover gegen kurze Sachen tauschen können. Meine leichten Höhenprobleme verschwinden auch bald wieder, das wabbelige Gefühl im Kopf und die Kopfschmerzen lassen nach.
Und da liegt er wieder vor uns, der Issyk Kul mit dem hellblauen Wasser. Gegenüber die schneebedeckten Berge an der Grenze zu Kasachstan und hinter uns liegen die Gipfel des Tien Schan, China ist gar nicht weit weg. Die Farben sind wunderschön, das Blau des Sees, die grünen Bäume und Wiesen und das tiefe Rot der Felsen direkt am Ufer entlang. 

In Balyktschy, der Stadt am westlichen Zipfel des Sees machen wir ein paar Besorgungen und der Rocky darf mal wieder in die Automoika. Die Jungs haben ganz schön viel zu tun um den Staub und Dreck abzuwaschen den wir seit der Mongolei eingesammelt haben. Sie sind nicht ganz so gründlich wie die russischen Kolleginnen vom Baikal See und lassen sich ihre Arbeit auch im Nachhinein gesehen etwas zu gut bezahlen, aber wir fühlen uns jetzt wieder wohl in unserem frisch duftenden zu Hause, an das man sich jetzt auch von außen mal wieder anlehnen kann ohne danach graue Streifen zu haben. 

Die Darmstädter hatten von Felszeichnungen und dem Tower bei Kegeti erzählt, das soll Ziel unseres nächsten Abstechers werden. Unterwegs kaufen wir noch einen ganzen Eimer Äpfel am Straßenrand. So günstig und so gut! Ein Canyon ist auf der Karte auch noch eingezeichnet, einen Reiseführer haben wir nicht, aber werden wir schon finden. Von Tokmok geht es über Umwege, da eine Brücke gesperrt ist, nach Kegeti. Und jetzt? Keine Schilder, kein Hinweis. Komisch, sonst war doch hier in Kirgistan immer alles so erstaunlich gut ausgeschildert. Okay, wir fragen mal an der Hauptkreuzung des kleinen Ortes einen Mann am Straßenrand. Kurz später stehen vier Männer, einer hoch zu Ross neben uns und beratschlagen mit den Fingern abwechselnd auf der Karte und in alle Richtungen deutend. Wir verstehen kein Wort. Also, erstmal geradeaus, dann kommt irgendwas wonach wir links abbiegen sollen und dann immer geradeaus. Ja prima, klingt doch ganz easy. Und so folgen wir der geschotterten Straße die auch unsere elektronische Karte kennt, immer in Richtung Berge. Felszeichnungen finden wir keine, aber eine Schlange mitten auf dem Weg, ein Tal in dem ein Fluss blubbernd nach unten rauscht und einen Wasserfall samt Liebesschlossbäumchen. Ja schön, hier bleiben wir und machen abends Feuer. Während Michi Holz sammelt, spielen Lina und ich, inspiriert von der Goldmine, Goldsucher und schürfen "echtes Gold" mit Linas Ikea-Sieb im Bach.

Der nächste Morgen steht unter dem Motto: die Deutschen sind grade erst wach geworden, die Kirgisen trinken schon Schnaps ;-) Als wir nämlich aufstehen, hören wir Stimmen vor dem Rocky. Wir schauen aus dem Fenster und sehen das muntere Trüppchen älterer Kirgisen die gestern Abend nebenan gefeiert haben. Und jetzt prosten sie sich im Schatten unseres Rockys zu, essen Banänchen und unser Tritt dient als Hocker. Wir schauen ihnen eine Weile von innen zu, lachen uns leise kaputt und öffnen dann die Tür. Damit hatten sie wohl nicht gerechnet und springen erschrocken auf. Wir bedeuten ihnen, sie sollen ruhig da bleiben und beginnen zu frühstücken. 

Wie auch schon in Russland und Kasachstan können wir mal wieder nicht verstehen, warum an diesen schönen Fleckchen Natur so viel Müll liegen muss. Und das obwohl hier ausnahmsweise mal richtig viele Mülleimer stehen, sogar ganz große mit der Aufschrift "Nabu Kirgistan". Aber es gibt auch noch ein Schild "Müll" was einfach auf eine Senke am Berg weist... Unglaublich! Dass zusätzlich die Kühe die Müllberge zerwühlen und verteilen, scheint niemanden zu stören. Auch nicht, dass man nirgendwo barfuß laufen kann, weil fast überall wo öfter Menschen campieren mal mehr und mal weniger Scherben liegen. Das ist so schade!
Auf dem Rückweg nach Kegeti packt uns nochmal der Ehrgeiz und wir wollen gerne noch den Tower finden. Ein paar Zickzackfahrten später sehen wir ihn und stellen fest, dass er bei Burana liegt und direkt von Tokmok aus ganz leicht zu finden ist. Es ist brütend heiß, aber das hält uns nicht ab von einem Spaziergang durch den kleinen Park hin zu dem Minarett, den Menschensteinen, Teilen der alten Wehrmauer und dem netten Museum. Kostet noch nicht mal Eintritt. Der Turm wurde so restauriert, dass man ihn sogar besteigen kann. Die Treppe ist dunkel und so eng, dass keine zwei Personen aneinander vorbei passen. Ich denke an Anjas Spruch "Atme tief und ohne Angst" und bin schneller oben als die aufkeimende Platzangst mich davon abhalten kann. Lina hält sich am Papa fest und ihr macht das alles gar nichts aus. Oben hat man eine schöne Aussicht über das Gelände und die Gegend. Wieder unten angekommen posiert Lina mit gefühlt allen Menschensteinen und hat dabei großen Spaß. Die sind nämlich alle so groß wie sie, haben lustige Gesichter denen man Augen und Ohren zuhalten und in der Nase bohren kann ;-) Wir treffen noch ein paar Touristen aus Europa und beobachten eine Hochzeitsgesellschaft die samt Stretch-Hummer und lauter Musik vorfährt. Das kennen wir ja schon aus Almaty. 

Während der vielen Stunden unterwegs im Rocky, die für Lina manchmal langweilig sind, unterhalten wir uns ja oft und erzählen uns gegenseitig was wir so alles sehen und erleben. Mittlerweile wird auch Linas Wortschatz immer größer und ich denke, Worte wie Jurte, Reiter, Mongolei, Grenze, Menschenstein, Wasserkanister, Keile, Moschee, Muezzin, Kamele und Schaschlik wären zu Hause wohl eher nicht dazu gekommen. Allerdings müsste sie dort auch nicht immer wieder fragen ob sie barfuß laufen kann oder ob es Scherben gibt.... Auch die Frage ob der Papa in die Steppe kackt, käme wohl eher nicht auf!

In der Hauptstadt Bishkek angekommen, suchen wir uns als erstes einen schattigen Platz für den Rocky. Da der an einem Park mit Spielplatz liegt von dem Lina nicht mehr weg will, bleiben wir einfach da und haben auch bei den Temperaturen gar keinen Drang noch Sightseeing zu machen. Und so beobachten wir das übliche Treiben auf dem Spielplatz was wohl überall auf der Welt gleich ist. Geschrei weil jemand die Schippe geklaut hat, gelangweilte Mamas mit Handys in der Hand, enthusiastische Papas mit stolzgeschwellter Brust die den Job wohl nicht so oft machen, große Dramen wenn Abmarsch ist oder man heute mal kein Spielzeug bekommt vom Schnickschnack-Stand direkt neben dem Sandkasten (die Betreiberin sollte man verklagen!). Lina ist total mutig und klettert ganz alleine auf ein Gerüst, sitzt mit einem Mädchen auf der Schaukel und wir testen uns durch die Getränkeangebote der umliegenden Stände. Es gibt Pflaumensaft (recht lecker), eine Art Ayran (ganz ok) und sowas wie Brottrunk (widerlich!!). Wir kaufen übrigens einen grünen Glibber-Blinke-Igel als Anti-Terror-Massnahme. Hinter dem Rocky steht ein großer Truck mit blauem Kennzeichen, die beiden Franzosen sind mit zwei großen Hunden unterwegs durch die Welt und haben in Bishkek ihr Iran-Visum beantragt. Wieder mal bedauern wir ein wenig, dass wir nicht durch Usbekistan, Tadschikistan, Turkmenistan und den Iran zurück nach Europa reisen, sondern nochmal durch (unser geliebtes....) Kasachstan müssen. Aber das lässt Raum für neue Reiseträume.... :-)
Michi lernt die Stadt dann noch im Dunklen kennen und zieht von einem Internetcafé zum nächsten auf der Suche nach einer guten Verbindung um unsere vielen Fotos nochmal sichern zu können.

Auf der Fahrt aus Bishkek raus kommen wir am wilden Gewimmel des großen Bazars vorbei und fahren schnell weiter, viel zu heiß und viel zu voll! Außerdem wollen wir ja noch ein Fluggebiet in der Nähe erkunden. Schöner Hügel: Check! Windsäcke am Landeplatz: Check! Zu starker Wind: Check! Gut, dann erstmal Familienmittagsschlaf. Danach ist der Wind immer noch zu stark, aber es hat abgekühlt und wir fahren noch weiter bis es dunkel wird. Auch mal interessant zu erleben was nach Sonnenuntergang in den kleinen Orten noch so alles rum wuselt. Zum Abendessen gibt es Schawarma vom Straßenrand und die Schlafplatzsuche ist Dank Dunkelheit schnell geschehen: rechts von der Hauptstraße ab in eine Seitenstrasse. Fertig.
Vielen Dank an Geeske und Steven die uns den Tipp gaben, südlich von Bishkek durch die Berge Richtung Grenze zu fahren und nicht weiter Richtung Westen auf der großen Hauptstraße. Die Strecke ist sehr schön und windet sich in vielen Serpentinen nach oben. Auch hier sind wir wieder von der guten Qualität kirgisischer Straßen angetan. Es geht durch einen engen Tunnel, durch den keine zwei LKW nebeneinander passen und ich bin froh, als wir nach wenigen Kilometern wieder Licht sehen. Auch der Tipp eine Rast im Skigebiet am Ende des Tunnels einzulegen ist prima. Wir haben eine großartige weite Sicht über das Tal auf der anderen Seite der Berge, treffen Österreicher und Lina beschnuppert sogar noch das kleine Mädchen der Cafébetreiberin.

Der letzte Streckenabschnitt in Richtung Grenze ist auch nochmal besonders beeindruckend. Es gibt so viel zu sehen in diesem fruchtbaren Tal: Jurten und bunte Bauwagen rechts und links mit Verkaufsständen an denen Tomaten, Käsebällchen, Ayrag, Honig, Fisch und vieles mehr feilgeboten werden. Wir sehen große Tierherden und für mich hinterlässt Kirgistan einen ebenso großen Eindruck wie die Mongolei. 

Aber diese schnurgerade Straße birgt auch Gefahren. Immer wieder halten Autos abrupt und ohne zu blinken an den Ständen an, es laufen Tiere über die Straße, der Gegenverkehr weicht Schlaglöchern über unsere Seite aus und so müssen wir leider Zeuge eines Unfalls werden. Es sind schon viele Polizisten um die Unfallstelle versammelt und wir fahren zügig vorbei. Doch die Bilder die ich in diesen wenigen Sekunden sehe, werde ich so schnell nicht los. Völlig zerstörte Fahrzeuge, weinende Menschen die sich aneinander festhalten und überall verteilt der Inhalt der meist so sehr überladenen Autos. Es macht mich schrecklich traurig, dass hier gerade etwas sehr Schlimmes passiert sein muss und dass diesen Menschen nicht so schnell geholfen wird wie bei uns. Wer weiß, wo das nächste Krankenhaus ist und wann ein Krankenwagen da sein kann? Wieder einmal denke ich, wie gut es uns in Deutschland doch geht und bin froh und dankbar, dass uns nichts passiert ist. 

Wir haben genug vom Fahren und nach dem letzten Pass in 3326 Metern schlagen wir bald unser Lager an einem Fluss auf. Der scheint die Automoika des nahen Orts zu sein und so kommen immer wieder Familien zum Auto waschen vorbei. Wir lernen ein sehr nettes Paar kennen samt kleiner Enkelin die mit Lina schnell Freundschaft schließt. Während ich den sauberen Rocky neu anmale, spielen die beiden mit Linas Wasserspielzeug und die Oma kommt ein paar Mal auf einen Plausch vorbei. Sie hatte deutsch in der Schule und kann sich sogar noch an ein paar Brocken erinnern. Ihr Mann zeigt auf die bunten Länderkennzeichen am Rocky und ruft lachend: "Ah! Marschroute!" Er scheint wohl beim Militär gewesen zu sein. Der Sohn schaut später auch nochmal vorbei, findet uns und den Rocky total cool, erzählt dass er Rammstein-Fan ist und schenkt uns einen 20-Som-Schein samt Signatur zur Erinnerung. Toll! Was für ein schöner letzter Abend! 

Die einzige, sehr freundliche Polizeikontrolle in Kirgistan dauert zwei Minuten: "Papiere bitte!" auf russisch. "Woher kommen Sie?" auf englisch. "Guten Tag! Mein Name ist Viktor! Wie heißen Sie?" auf deutsch. 

Auf einem Bazar unterwegs in einem Ort kaufen wir für jeweils 30 Som (50 Cent) zwei gebrannte CDs mit kirgisischer Musik die wir laut hören und endlich noch einen Kirgistan-Aufkleber für unseren Kühlschrank. Auf so einem Bazar findet man wirklich immer alles. 

Hinter einem großen Stausee liegt die Grenze zu Kasachstan. Wir sind gespannt, Lina packt den Grenzlolli aus. Der Grenzübergang bei Talas ist klein und auf die Frage ob wir hier überhaupt ausreisen können, nicken die beiden Kirgisen am Tor lachend. Sie geben Michi zu verstehen, dass alles nur eine Frage des Geldes ist und scheinen damit auf die korrupten kasachischen Nachbarn anzuspielen. Na wenn darüber schon die kirgisischen Grenzbeamten Witzchen machen.... Prost Mahlzeit! Wir fahren durch das Tor, auf kirgisischer Seite geht alles sehr schnell, sehr freundlich und lustig. Bei den Kasachen geht es wieder etwas ernster zu, aber auch hier kommen wir ohne Probleme durch. Und wir wären sogar noch schneller gewesen, hätte ich nicht meine Migrationskarte mit dem kleinen Ikea-Bleistift ausgefüllt. Darf man nämlich nur mit Kuli! Also Nachsitzen und nochmal neu. "Spasibo! Spasibo!" Und "Do Svidanya!". Ob die Kasachinnen nach mir auch nochmal neu ausfüllen mussten, habe ich nicht mehr mitbekommen. Denen hatte ich nämlich den Bleistift geschenkt ;-)

Diesmal denken wir auch direkt an die Versicherung und schließen sie sofort nach der Grenze ab. Der neugierige Versicherungsmensch mit vergoldeter Zahnfront stattet uns samt Sohn noch einen Besuch im Rocky ab, die beiden schreiben an unsere Wand und verabschieden sich wieder. Super! In einer knappen Stunde ist alles geritzt und wir sind gewappnet für sämtliche Polizeikontrollen Kasachstans.

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