Oh wie schön ist Kirgistan

Kuh in Kirgistan

Manchmal fährt man über eine Grenze und das neue Land ist einem direkt sympathisch. So geht es uns mit Kirgistan. Im Gegensatz zu Kasachstan passt für unser Empfinden hier wieder alles zusammen. Vieles erinnert uns an die Mongolei und wir fühlen uns sofort wohl. Wir fahren über recht gute Schotterpiste durch eine so schöne und abwechslungsreiche Landschaft, sehen wieder viele Jurten, Schafe, Kühe, Pferde und Reiter, aber auch Traktoren, Esel und bunte Bienenkästen. Die Autos sind hier etwas verbeulter und lustigerweise sehen wir viele alte Audis, Mercedes, Passat und 2er Golf. Also alles was bei uns so in den 90ern rumgefahren ist. Immer öfter hören wir von den Moscheen her die Muezzine zum Gebet rufen. Zum ersten Mal sehen wir vor allem ältere Männer mit den typischen kirgisischen Kopfbedeckungen (Ak Kalpak), hohe weiße Filzhüte die irgendwie lustig aussehen. Alles macht einen sehr geschäftigen Eindruck. Die Leute schauen uns wieder interessiert und freundlich an, manche winken. An einem flachen Bach verbringen wir die Nacht und freuen uns schon auf die kommenden Tage in diesem spannenden Land, was wir ursprünglich gar nicht auf unserer Route hatten.

Wir nähern uns auf mittlerweile geteerter Straße der ersten kirgisischen Stadt Karakol nahe des von hohen Bergen eingerahmten Issyk Kul Sees. Noch können wir ihn aber nicht sehen, den nach dem Titicacasee zweitgrössten Gebirgssee der Erde auf über 1600 Metern Höhe. Als erstes gehen wir auf die Suche nach einer Bank. Kein Problem. Banken gibt es viele, aber bis wir eine finden, die unsere Karte akzeptiert, dauert es eine Weile. Aber dann halten wir ein paar tausend Som in den Händen, der Kurs ist ähnlich wie in Russland. Lina und ich kaufen Sonnencreme in der Apotheke während Michi neue SIM-Karten besorgt. Diesmal erhalten wir unbegrenztes Datenvolumen für nur ca. 3€ für 8 Tage. Es wird immer besser! Und jetzt haben wir aber Durst und Hunger! Ein rauchender Schaschlikgrill lockt uns an und wir setzen uns im Hof dahinter an einen schattigen Tisch. Um uns herum russische Motorradfahrer, kirgisische Familien und auch andere Touristen. Der Kellner ist super freundlich, spricht perfekt englisch, empfiehlt uns landestypische Gerichte und kurz darauf steht ein Teller Kuurdak (Bratkartoffeln mit Fleisch und Zwiebeln) und ein Teller Manty (gefüllte Teigbeutelchen, ähnlich wie die mongolischen Buuz) auf dem Tisch. Toll! Auch Lina ist begeistert, als der Kellner ihr den bestellten "großen Apfelsaft" vor die Nase stellt und sie gleich eine 1-Liter-Tüte ganz für sich hat. 
Die junge Frau in der Touristeninformation überschlägt sich fast und obwohl sie schon bald Feierabend hat, gibt sie in gutem Englisch noch eine Menge Tipps für Unternehmungen in der Umgebung.
Und so entschließen wir uns, einen Abstecher in die nahen Berge zu machen. Es geht durch das Gate des Nationalparks und dann über holprige Piste immer den Berg hoch an einem Bach entlang. Durch kleine Orte mit Jurten, Kühen und Ziegen hindurch und als wir wieder einmal Bienenkästen am Wegesrand sehen, halten wir an. Lina und ich kaufen bei der Familie die uns schon an ihrem kleinen Verkaufsstand empfängt, eine 1-Liter-Flasche Honig für nur ungefähr 6€. Als ich der Frau kasachische Tenge in die Hand drücke, gibt sie mir sie lachend zurück. Bei den vielen Ländern und verschiedenen Währungen kommt man ja ganz durcheinander! Und kaum sind wir anderthalb Tage in Kirgistan, wird Lina schon wieder beschenkt. Freudestrahlend geht sie zum Rocky zurück mit einem Stück Nougat in der Hand. 
Der Honig schmeckt sehr gut, kein Wunder bei der bunten Blumenvielfalt die es hier in den kirgisischen Bergen gibt.
Der Weg teilt sich und wir beschließen links weiter zu fahren, oben soll es eine Bergbahn geben. Gibt es auch, doch die scheint nur im Winter bei Skibetrieb zu laufen. Außer einem laut bellenden Hund und zwei Rangern ist am Ende des Weges auch dementsprechend alles wie ausgestorben. Michi soll aber mal mit zur Station gehen, warum wissen wir erstmal nicht. Lina und ich bleiben am Rocky und warten. Als ich langsam anfange unruhig zu werden, kommt er wieder und schmunzelt. Die beiden haben ihm oben im WLAN der Station mittels Google-Übersetzer erklärt, dass sie für uns die Seilbahn auch öffnen würden. Sie könnten noch zwei Kollegen rufen, da sie zu viert sein müssen und es würde 5500 Som (76€) kosten. Das Ganze für 20 Personen oder eben nur für uns drei. Die Geschäftstüchtigkeit und Einsatzbereitschaft beeindruckt uns zwar, aber das ist uns dann doch etwas zu viel Geld und wir verabschieden uns freundlich winkend.
Also geht es wieder runter und wir schauen mal wohin der andere Weg führt. Angeblich kann man ein Stück in die Berge rein fahren und nach weiteren etlichen Kilometern Wanderung erreicht man den Bergsee Ala-Kul. Da es mittlerweile schon spät ist, bleiben wir am Wegesrand stehen, unten plätschert der Bach und oben grasen Pferde. Welch eine Idylle. Als es dunkel ist und wir im Bett liegen, erschrecken wir uns kurz als auf einmal der Rocky wackelt. Was war das? Wir schauen hinten zum Fenster raus und stellen lachend fest, dass wir umgeben sind von Pferden die sich wohl mal genüsslich an unserem zu Hause reiben. Wir beobachten im hellen Vollmondschein noch eine Weile die Tiere und auch die Blitze in weiter Ferne.
Morgens geht es genauso weiter, um uns herum sind diesmal Kühe. Der Rocky wackelt wieder und beim Frühstücken schaut eine besonders neugierige Kuh zur offenen Tür herein. Lina ruft winkend "Hallo Kuh!!". Bei einer ausgedehnten Wanderung genießen wir die frische Luft, die intensiv nach Kräutern und Blumen duftet. Aber auch nach den beachtlichen Hinterlassenschaften der vielen Kühe, Pferde und Schafe. Am Bach machen wir Rast und füllen unsere Trinkflasche mit dem kalten klaren Wasser auf. Als wir zurück am Rocky sind, fängt es gerade an zu regnen und bevor der Weg aufgeweicht ist, machen wir uns auf den Rückweg in die Stadt.
Auf dem Parkplatz eines kleinen Supermarkts essen wir zu Mittag und als wir gerade weiter fahren wollen, parkt ein Auto mit deutschem Kennzeichen neben uns. Heraus steigt eine Familie aus Füssen mit der wir uns die nächsten zwei Stunden angeregt unterhalten. Nach über fünf Monaten endlich die Premiere! Zum ersten Mal lernen wir andere Reisende mit Kind kennen! Die kleine Eva ist sechs Jahre alt und stellt nach kurzer Zeit mit Lina den Rocky auf den Kopf. Die ist zwar eigentlich total müde, aber wenn man schon mal mit einem deutschen Kind im Rocky spielen kann, lässt man auch gerne mal den Mittagsschlaf ausfallen. Die drei sind seit Ende Juni mit ihrem Ford Focus unterwegs mit dem Ziel China, dort wollen sie die Verwandtschaft von Evas Mama besuchen. Sie erzählen abenteuerliche Geschichten über Schneefälle im Pamirgebirge, Bettwanzen in Guesthouse-Betten und geben gute Tipps zu Straßen und Strecken die wir noch vor uns haben. Wir wiederum warnen vor Polizeikontrollen in Kasachstan und schwärmen von der Mongolei. 
Froh über die nette Begegnung verabschieden wir uns und steuern die roten Sandsteinfelsen westlich von Karakol an.

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Kommentare: 4
  • #1

    Michaela (Freitag, 26 August 2016 19:43)

    Das freut mich sehr, dass euch Kirigstian so gut gefällt. Und nochmal besser, weil ihr es eigentlich nicht auf dem Plan hattet. Genau so soll das sein

  • #2

    Michaela (Freitag, 26 August 2016 19:46)

    Superschön und viele Bilder...da kann "Frau" sich das ganze noch viel besser vorstellen und miterleben...Dankeschön

  • #3

    Ela (Sonntag, 28 August 2016)

    Huhu, als 3. Michaela möchte ich auch noch einen kurzen Eintrag machen. Es ist schön das es euch gut geht und ihr wieder nettere Begegnungen mit Land und Leuten habt und sogar schon Freunde wiedertrefft die eure Wege immer wieder kreuzen. Das Stellensuche mir schön vor und wie ein Lichtstrahl wenn ihr das Zebraauto wieder trefft.
    Hier geht morgen die Schule nach 6 tollen Ferienwochen wieder los. Mal sehen wie sich das für uns alle anfühlt

  • #4

    Ela (Sonntag, 28 August 2016 22:01)

    Verbesserung:
    Es sollte heißen stelle ich mir statt Stellensuche