Grenzerfahrungen, Alpenfeeling und kasachische Polizeiwillkür

Die letzte Nacht in der Mongolei verbringen wir fast direkt vor der Grenze auf einem Berg. Beim Hochfahren kam nicht mehr genug Diesel an, der Rocky blieb beäugt von einer Kuhherde stehen und wir mussten mit dem Ersatzkanister nachtanken. Nach unserem hessischen Abend ist mir total kalt. Michi kocht für mich Tee und versteckt mich unter einem Berg Decken. Nachts ist mir heiß, ich hab wohl Fieber, aber am nächsten Tag ist alles wieder gut. 
Vor der Grenze hält uns eine junge Beamtin an. Wir sollen für irgendwas bezahlen. Sehen wir gar nicht ein, außerdem haben wir unsere letzten Tugrug im Minimarket ausgegeben. Mit 5 Euro gibt sie sich dann schließlich zufrieden. Damit sind wir noch günstig davon gekommen, anderen wurde noch mehr abgeknöpft. Und dann beginnt das übliche Durcheinander. Wir bekommen einen kleinen weißen Zettel auf dem am Ende des chaotischen Treibens scheinbar drei Stempel sein müssen. Ein frohes Wiedersehen: wir stehen mit Uli und Marianne in der Schlange und noch ein anderes deutsches Paar ist mit dabei. Nach vielem Gedrängel haben wir endlich alle Stempel und dürfen ausreisen. Das Niemandsland zwischen der Mongolei und Russland ist ziemlich viele Kilometer lang, aber an der nächsten Schranke angekommen, erwartet uns immerhin ein geregelter Ablauf und Beamte die einem sagen was man tun soll. Nach nur drei Stunden haben wir es geschafft und reisen nach Russland ein. Lina hat derweil ihren mittlerweile obligatorischen "Grenzlolli" gelutscht und ob Marianne ihre "Grenzsocken" noch fertig stricken konnte, wissen wir gar nicht, es gab Probleme mit den Visa und wir winken Ihnen zum Abschied.
So. Russland. In Kosh-Agash kaufen wir ein und uns fallen ja die Augen aus dem Kopf bei dem riesigen Warenangebot! Sind wir aus der Mongolei gar nicht mehr gewöhnt. Und es ist auch wieder deutlich günstiger. Außerdem fallen wir mit unserer hellen Lina gar nicht mehr direkt auf, auch mal ganz angenehm. Michi besorgt russische Handykarten und ich komme mit einem jungen Mädel ins Gespräch. Sie erzählt, dass sie auch gerne reist, aber mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Ihre Traumreiseziele sind übrigens Deutschland und Rio. Beides wohl aus aktuellem Anlass. Bei geöffneter Rockytür essen wir zu Mittag, da steht plötzlich ein junger Mann vor uns und sagt: "Guten Tag! Wie gefällt Ihnen Russland?" Wir unterhalten uns kurz und als ich ihn frage, warum er so gut deutsch spricht, kommt zur Antwort ganz selbstverständlich: "Na weil ich aus Köln komme!" Lachend erzählt er, dass er in den Sommerferien seine Verwandten in Novosibirsk besucht. Am nächsten Tag treffen wir ihn an einem Aussichtspunkt zufällig nochmal wieder.
Die Fahrt durch's russische Altai ist wunderschön und erinnert uns an die Alpen oder Südtirol. Umgeben von den Gipfeln mehrerer 4000er, schlängelt sich die super gute Teerstrasse und ein Fluss durch das Tal, nur die Kühe haben keine Glocken umhängen. 
Drei Nächte an drei Flüssen nutzen wir zum Wäsche waschen, Rocky entstauben und Baden. Sehr zu Michis Freude gibt es auch wieder Schaschlik, wir grillen und sitzen am Feuer. Direkt hinter dem Altai sind schon wieder die Mücken da, die Straßen werden voller, lauter, abgasiger und die Strecke bis auf viele riesige Sonnenblumenfelder eher unspektakulär.
In Rubtsovsk, der letzten Stadt vor der kasachischen Grenze, lernen wir ein paar junge Partypeople kennen und schlendern durch einen Innenhof der uns eher an Kreuzberg als an eine russische Kleinstadt erinnert. Dass wir jetzt wieder zwei Stunden dazu bekommen haben, kommt uns ganz gelegen.
Vormittags stehen wir an der Grenze und zum Glück ist wenig los. In der Rekordzeit von anderthalb Stunden sind wir durch und dürfen nach Kasachstan einreisen. Zwar musste der Russe bei der Passkontrolle noch seinen Kollegen zu Rate ziehen, aber es waren dann doch beide davon überzeugt, dass ich die auf dem Foto bin. Mein Foto im Reisepass weicht ziemlich stark von dem Foto im Visum ab. Nicht so vorteilhaft. Egal, geschafft. Der Kasache der uns das Tor am Ende öffnet will noch smalltalk mit uns halten und fragt unter anderem nach deutschen Souvenirs. Haben wir nicht und wieso überhaupt.... Da wussten wir noch nicht, dass er nicht der letzte kasachische Staatsbeamte sein sollte, der sich gerne mal im Dienst bereichert.
Die Straße nach Semei ist prima, wir kommen gut voran und freuen uns. Bis wir in der ersten Polizeikontrolle stehen. Es ist üblich, dass der Fahrer mit den Papieren aussteigt und mit zum Polizeiauto geht. Wie schade, denn so bekomme ich das nun folgende Schauspiel gar nicht mit. Der Polizist weist Michi darauf hin, dass wir eine Versicherung für unser Auto brauchen. Mist, haben wir an der Grenze glatt verpeilt. Eigentlich wäre ne Strafe fällig, doch der Beamte hat wohl einen Clown gefrühstückt und möchte von Michi ein deutsches Lied hören. Und so kommt es, dass mein Mann zwei kasachischen Polizisten am Straßenrand "Biene Maja" vorsingt und sie sogar auch noch animieren kann mit einzustimmen. Er kommt schmunzelnd zurück zum Rocky und fährt prustend los. Okay, nochmal Glück gehabt. Aber jetzt müssen wir ja irgendwie noch an diese Versicherungspolice kommen. In Semei finden wir keine Versicherung, essen dafür sehr lecker in einem Restaurant mit Tischen und kleiner Hüpfburg im Garten und besorgen uns kasachische SIM-Karten mit extrem vielen GB für extrem wenig Geld. 
Die Nacht verbringen wir in der Nähe eines Denkmals für die Opfer der Atomtests in der Gegend um Semei. Schön ruhig auf einer Insel im Fluss. Dachten wir. Dass dauernd Autos in das kleine Waldstück fahren und neben uns parken stört uns noch nicht so sehr, die vielen Mücken (Fluss halt....) schon eher und auch die laute Diskomucke hätten wir nicht gebraucht. Als dann aber mitten in der Nacht noch ein Polizeiauto direkt neben uns mit seiner Sirene rum spielt und den Lautsprecher testet, bin ich kurz davor auszurasten. Nach der lauten Durchsage unseres Nummernschildes und Ableuchten des Rockys ("... Rocky auf Reisen ... Oh Mongolia! ...") ziehe ich mich an und öffne die Rockytür. Wo sind die Spaßvögel jetzt? Weg! Deppen! Na dann, gute Nacht!
Zähneknirschend entscheiden wir uns, nochmal die anderthalb Stunden zur Grenze zurück zu fahren und die Versicherung abzuschließen. Ein netter junger Russe hilft beim Übersetzen und erzählt, dass er und seine Freunde auch nach Kirgistan wollen.
Zurück in Semei gehen wir verschwitzt und bappig in ein Freibad. Tut das guuuuuut! Es ist sehr heiß und sonnig in Kasachstan, nach mehreren Gewittern zusätzlich schwülfeucht und die halbe Stadt steht unter Wasser. 
Auf der holprigen Schlaglochfahrt Richtung Süden kommen wir immer wieder an auffälligen Friedhöfen vorbei. Gemauerte Pyramiden, Häuschen und Türme mit Halbmonden und Tafeln. Die Landschaft ist geprägt von weiter Steppe und Hügeln. Etwas schroffer als in der Mongolei. Ach ja, die Mongolei fehlt mir mit ihren großen Viehherden, Reitern, Jurten und freundlichen Menschen. Hier in Kasachstan geht es orientalischer zu, daran müssen wir uns erst noch gewöhnen. Wie auch in Russland gibt es wieder überall Müllberge in der Natur, das Militär ist allgegenwärtig und auch das Tschu-Tschu der Eisenbahn. Die Abstände zwischen den Orten sind groß und es gibt zwar viele Tankstellen, doch dass die nicht unbedingt immer auch Sprit haben, bekommen wir zu spüren, als wir an mehreren Tankstellen hören: "No Diesel!" Gut, dass wir zwei Ersatzkanister dabei haben!
Und dann kommt schon die nächste Polizeikontrolle. Diesmal müssen wir 10.000 Tenge zahlen, weil wir zu schnell waren laut Kamera. Eigentlich dachten wir, dass in Ortschaften 60 km/h erlaubt sind, aber irgendwo stand wohl ein 50-Schild was wir übersehen haben. Tja, kann man wohl nichts machen. Bei der Weiterfahrt ärgern wir uns noch etwas über die umgerechnet 25 Euro und da es keine Quittung gab, gehen wir davon aus, dass die auch nicht in der Staatskasse landen, sondern in der Hosentasche des Polizisten. Außerdem sollte Michi das Geld auf den Sitz legen statt es ihm in die Hand zu geben. Korruption juchhee!
Am 8. August feiern wir unser 7jähriges Kennen! Morgens mit leckerer Jagdwurst aus der Dose von Familie Wollbeck (DANKE!!!), mittags mit Milkaschoki zum Kaffee und abends mit (etwas improvisierten Burgern) und Martini. Perfekt machen diesen besonderen Abend viele Sternschnuppen und wir schicken abwechselnd Wünsche gen Himmel. Lina erzählt später noch davon: "Ich hab mir einen Stern gewünscht und das darf man nicht verraten!"
Kein Tag in Kasachstan ohne Kollision mit Staatsorganen: nach dem Frühstück fordert uns ein Soldat freundlich, aber sehr bestimmt auf, unseren Nachtplatz zu verlassen. Angeblich Militärsperrgebiet. Okay, machen wir. Stand zwar nirgendwo ein Schild, aber als wir in der nächsten Wiese geduckt Soldaten rum hampeln sehen, glauben wir ihm. 
Was wir allerdings nicht glauben, ist dass wir auch am nächsten Tag schon wieder von der roten Polizeikelle angehalten werden. Was ist denn jetzt schon wieder?? Michi muss mitgehen, Lina und ich sollen warten. Boshaft sagen wir später: "Damit es keine Zeugen gibt!". Diesmal wird uns vorgeworfen entgegen der Fahrtrichtung aus einem Kreisverkehr gefahren zu sein. Kreisel? Wo denn? Der Polizist fährt mit Michi nochmal zurück und zeigt ihm das Schild. Okay, da steht ein Mini-Vorfahrtsschild, aber nichts deutet auf einen Kreisel hin und zeigt an, wo man lang fahren soll. Dann folgt ein langes und breites Hin und Her. Der Polizist verlangt 40.000 Tenge. Michi verlangt dafür eine Quittung und Einsicht in den Bußgeldkatalog. Der ist auf Russisch und eine Quittung gibt es auch nicht. Dann will der Polizist den Führerschein behalten, den sollen wir uns in Almaty wieder abholen. Von wegen! Den sehen wir sicher nie wieder! Michi schlägt irgendwann vor 20.000 Tenge (ca. 50€) zu bezahlen. Als der Polizist sich darauf einlässt, ist wieder völlig klar, wo das Geld landet. Michi soll das Geld ins Handschuhfach legen und um der Dreistigkeit die Krone aufzusetzen, fragt dieser Polizist doch tatsächlich noch nach deutschen Souvenirs und will Urlaubsfotos sehen! Nach einer Stunde fahren wir weiter und können es nicht fassen, mit welcher Willkür hier Strafen verhängt werden, dass Kontrollen durchgeführt werden an total schlecht beschilderten Stellen und es einfach sonnenklar ist, zu welchem Zweck das Ganze dient. Wir haben kein Problem damit, für Fehler gerade zu stehen, aber nicht unter diesen Umständen. 
Unseren Unmut bekommt dann auch gleich der erstbeste Kasache zu spüren, der beim Einkaufen in der nächsten Stadt unsere Rockyschrift an der Seite anfasst. Gleichzeitig fahren wir ihn auf deutsch an sofort die Hände von unserem Auto zu nehmen!! Leider bekommt das Reisen durch Kasachstan gerade einen schalen Beigeschmack, daran kann auch das hervorragend gefüllte Fladenbrot vom "Döner King" nur kurzzeitig etwas ändern.

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Kommentare: 3
  • #1

    gabie (Sonntag, 14 August 2016 16:32)

    Wunderschöne Aufnahmen..besonders das foto mit den im see sich spiegelnden wolken..wow :-) nur noch gute Erfahrungen mit der obrigkeit wünscht euch gabie

  • #2

    Marianne und Uli (Sonntag, 14 August 2016 20:15)

    Eure Fotos sind erste Sahne!!!
    Die Polizei scheint es auf euch abgesehen zu haben - wir wurden bislang verchont und geniessen dieses tolle Land! Na ja, die Strassen sind unter jeder S--!

  • #3

    Ela (Donnerstag, 18 August 2016 14:57)

    Hallo Ihr Lieben!
    Gerade habe ich die Mittagsruhe genossen und bin völlig in Eurem Reisebericht versunken