Schnelle und wilde Pferde

Als wir Langschläfer wach werden, herrscht um uns herum schon wieder wuselige Betriebsamkeit. Die Mongolen neben uns waschen zu lauter Musik ihr Auto, selbst die Oma schöpft mit dem Topf Wasser aus dem Fluss. Kaum öffnen wir die Rocky-Tür, werden wir freudig begrüßt und nachdem wir fertig sind mit frühstücken, setzt sich eins der Paare mit Kind erstmal an unseren Tisch und macht Fotos. Wir fragen sie, wo das Pferderennen stattfindet von dem gestern alle gesprochen haben und nachdem alle mal ihren Kopf über die Karte gebeugt haben, sind sie sich einig und zeigen auf einen Punkt ein Stück hinter Ulan Bator.
Also heißt es Sachen packen und große Verabschiedung. Ein Stück fahren wir noch hinter ihnen her, verlieren sie dann aber im wilden Stadtverkehr aus den Augen. Wobei diesmal die Stadt schon fast wie ausgestorben wirkt. Alle scheinen zum Naadam Fest ausgeflogen zu sein. Zur Verwandtschaft auf dem Land oder anderen Feierlichkeiten. Gerade als wir uns fragen ob wir wirklich auf dem richtigen Weg sind, staut sich der Verkehr und alle fahren rechts auf einen Feldweg. Der führt zu einem riesigen Parkplatz, der an ein Festival erinnert und dann sind wir schon mitten im Getümmel des großen Pferderennens. Wobei das fast schon eher am Rande stattfindet. Es gibt unzählige Gers in denen man Essen und Getränke kaufen kann, alle möglichen anderen Stände, Jahrmarktbuden, Kinderkarusselle und überall zwischendrin Pferde mit Reitern. Man kann sich kaum sattsehen und wir genießen bei ein paar "Fettplätzchen" wie die gefüllten Teigtaschen bei uns heißen, das so andersartige Gewusel. 
Nachdem wir noch ein kurzes Interview für einen kleinen Fernsehsender gegeben haben, erfahren wir, dass an diesem Tag gar kein Rennen mehr stattfindet und beschließen, die Nacht einfach auf dem Parkplatz zu verbringen.
Für unsere Verhältnisse stehen wir früh am nächsten Morgen (um halb 9) an der Rennbahn. Langsam füllt sich die Tribüne. Wir beobachten eine Gruppe europäische Touristen, die sich von ihrer Reiseleiterin die staubigen Sitzplätze abwischen lassen und dabei keine Miene verziehen. Ich muss mich ne Runde fremd schämen und bin mal wieder froh, nicht zu solch einer Herde zu gehören. Lina sitzt inzwischen neben einem kleinen Mädchen in der Reihe über uns und wird schon wieder beschenkt. Glücklich sitzt sie da, in der einen Hand eine Flasche Saft und in der anderen ein Fettplätzchen. Das Fett tropft ihr von den Lippen und sie kaut genüsslich auf dem Hammelfleisch rum. Die Tribüne ist bald komplett voll, die älteren Männer in ihren schmucken Mänteln (Deel) und Stiefeln zücken ihre Ferngläser und zeigen an den Horizont. Michi darf auch mal durchschauen. Und dann sehen wir sie auch. Zuerst eine Staubwolke und bald preschen die ersten Reiter an uns vorbei ins Ziel. Die kleinen Jungs treiben ihre erschöpften Pferde ein letztes Mal an und werden von der Menge bejubelt. Im Hintergrund wird festliche Musik gespielt und ich hab Tränen in den Augen, bin total ergriffen von diesem besonderen Moment!
Wie schön, dass wir das noch erleben konnten. Jetzt aber schnell zum Rocky und wieder ab nach Ulan Bator, heute zwischen 12 und 12:30 Uhr müssen wir unsere Visa auf der russischen Botschaft abholen. Wir kommen super durch, erhalten problemlos unsere Visa und essen Pizza! Darauf haben wir seit Tagen Lust. Die Pizza ist riesengroß, total lecker und am Nachbartisch sitzen drei lustige Israelis. Abschliessend wollen wir uns noch schnell von Zula verabschieden und bedanken. Er gibt uns viele gute Wünsche und Ratschläge mit auf den Weg. In seinem Shamanenzimmer schenkt er uns bei Weihrauchduft große Geier- und Adlerfedern, schöne Steine und symbolische Geldscheine. Dass wir uns so schnell schon wieder auf den Weg machen, gilt hier als sehr unhöflich. "Mal eben schnell" gibt es hier nicht. Doch wir wollen gerne wieder aus der Stadt raus und uns auf den Weg zu den Wildpferden machen. Da er ja einige Zeit in Deutschland gelebt hat, versteht er uns hoffentlich und sieht es uns nach. Seine Kinder winken Lina zum Abschied und sie bekommt nochmal kleine Geschenke. Seine dreijährige Tochter hatte bei einer traditionellen Zeremonie die Haare rasiert bekommen und grinst uns nun ein letztes Mal mit kahlem Schädel an.
Wir sind wieder ganz schnell raus aus der Stadt und brechen nach einer Nacht abseits der Straße, zum Hustai Nationalpark auf. Unterwegs treffen wir einen großen roten LKW mit deutschem Kennzeichen und unterhalten uns nett mit den Reisenden und dem Reiseleiter vom "Rollenden Hotel". Wir tauschen uns auch über die möglichen Routen durch das Land aus. Eigentlich gibt es nur drei. Oben im Norden, durch die Mitte und im Süden. Aber welche ist die beste? Diese Frage beschäftigt uns nun schon seit Tagen und jeder sagt was anderes. Zula hatte uns zur südlichen Route geraten, der Reiseleiter wiederum meint, die wäre doch eher unspektakulär und wir würden sicher auch ohne Allrad die nördliche schaffen. Es wäre halt schwierig wenn es viel regnet durch die Flüsse zu kommen und manche Strecken könnten unpassierbar sein. Na toll, jetzt bin ich wieder mal total verunsichert, so langsam schlägt das auf's Gemüt. Ich will einfach nur, dass wir heil und sicher bis zur Grenze kommen!
Aber erstmal wollen wir ja gern die Wildpferde sehen. Ich bin etwas angespannt auf der Fahrt über die Piste zum Park, kann gerade so schlecht einschätzen, wo wir mit unserem Rocky lang fahren können und wo nicht. Doch als uns immer mehr "normale" Autos entgegenkommen und überholen, werde ich langsam lockerer. Wie sagte ein Mongole zu uns: "Mit einem Toyota Prius kommt man durch die gesamte Mongolei!" Das ist ein normaler Pkw ohne Allrad und sieht man hier ständig.
Am Gate ist ein Ger-Camp, wir bezahlen Eintritt, bekommen eine Karte und los geht's. Der Weg ist abenteuerlich, aber wir kommen durch und halten an einer Parkbucht an in der ein paar Autos stehen. Mit dem Fernglas sehen wir weit oben am Berg tatsächlich mehrere Gruppen Pferde. Toll! Also los geht's, feste Schuhe anziehen und Lina in die Trage. Tut gut, sich mal wieder so richtig zu bewegen und nach einem schönen Aufstieg sind wir den Tieren recht nah. Ich kann es mal wieder nicht glauben. Ich stehe in der Mongolei und sehe Wildpferde! Genauso wie damals als ich mit Anja in Afrika die ersten Elefanten sah, muss ich weinen vor Glück.
Seit wir in der Mongolei sind, überschlagen sich die Ereignisse und man kommt mit dem Verarbeiten der vielen vielen Eindrücke kaum hinterher. Das Land ist einfach unglaublich schön und anders, die Weite, Einsamkeit und Ruhe ist tief beeindruckend. Noch nie habe ich so viel, oft ganz unberührte Natur gesehen in der so viele Tiere frei herum laufen. Vieles erinnert mich an Namibia.
Die Menschen sind so freundlich zu uns. Lina öffnet für uns Herzen und Türen. Mongolen lieben Kinder und man sieht selten welche die keine dabei haben. Kinder gehören hier überall einfach dazu. Es interessiert auch niemanden, wenn mal ein Kind quakt. In Deutschland will man mit Kind niemanden stören, geht mit dem Kind weg wenn es unruhig wird. Das gibt es hier nicht. Hier gehört die Oma genauso dazu wie das Neugeborene, alle essen, feiern und schlafen zusammen. Sowas habe ich noch nie erlebt und nehme mir fest vor, davon etwas mit nach Hause zu nehmen. Je weiter wir ins Landesinnere kommen, desto mehr merkt man, dass die Leute hier selten oder vielleicht noch nie europäische Kinder gesehen haben. Lina mit ihren hellen Haaren fällt immer direkt auf, alle strahlen sie an, reden mit ihr, wollen Fotos machen und stecken ihr Süßigkeiten zu. Und auch uns lächeln sie an, von Mama zu Mama und von Papa zu Papa. Es ist einfach schön, diese Erfahrungen zu machen, die wir ohne Kind so sicher nicht gemacht hätten. Wir haben das Gefühl dadurch näher an Land und Leute heran zu kommen. 
Dass Europäer mit Kind durch die Mongolei reisen, kommt wahrscheinlich nicht ganz so oft vor. Wir haben jedenfalls noch keine gesehen und laut Reiseführer, der sich extra an Individualreisende wendet, ist es ja auch gar nicht optimal mit Kindern hier zu reisen. Wegen den langen Etappen, schlechten Strassenverhältnissen und der mangelnden medizinischen Versorgung. Windeln gäbe es, wenn überhaupt, nur in Ulan Bator und am besten sollte man sie von zu Hause mitbringen. Immer wieder fallen uns diese Sätze ein und wir schütteln darüber den Kopf. Ich habe selten so ein kinderfreundliches Land erlebt wie die Mongolei, denn hier gibt es ganz viele Kinder und Menschen die Kinder mögen, man wird überall mit offenen Armen empfangen, es gibt hier keine Kinderecken in Restaurants, sie sind ganz normal mit dabei, es gibt viele Tiere und Platz in der Natur zum Austoben, die Etappenlänge kann ja jeder frei wählen, Lina schläft oft am besten wenn es am meisten schaukelt und so weiter und so weiter ... Was die medizinische Versorgung und die Strassenverhältnisse angeht, darf man halt nicht mit deutschen Maßstäben herkommen. Man kann sich eben nicht Einsamkeit wünschen und gleichzeitig beste Versorgung erwarten. Ist man auf dem Land, wird nicht in 10 Minuten der Krankenwagen da sein und auf den Pisten kommt man manchmal nur sehr langsam vorwärts. Aber auch hier werden Menschen krank oder bleiben mit dem Auto liegen und bekommen Hilfe. Wir nehmen uns vor, den Autorinnen mal unsere Sicht der Dinge über "Reisen mit Kindern" zu schildern und sind guter Dinge, dass uns nichts passiert. Ach ja und Windeln gibt es übrigens in jedem kleinen Minimarket in jedem kleinen Kaff. So. Außerdem ist Lina gerade großer Fan vom Outdoor-Pinkeln ;-)
Jetzt aber nochmal kurz zurück zu den Wildpferden. Wir steigen noch ein Stück weiter den Berg hinauf, genießen die Aussicht und als es anfängt zu regnen, sind wir schon fast am Rocky. Lina zieht sich in der Trage die Mütze über's Gesicht und schläft weiter. Die Wege werden zunehmend matschiger und ich bin heilfroh, als wir wieder zurück am Camp sind. Das "Rollende Hotel" fährt jetzt erst los, weil man angeblich abends bessere Chancen hat die Tiere zu sehen. Außer wenn es regnet halt ;-) 
Ja und dann regnet es fast die ganze Nacht weiter, unser Dachfenster scheint undicht zu sein, es tropft rein und ich frage mich, wie wir am nächsten Tag wieder auf die geteerte Straße kommen sollen. Aber als wir wach werden, scheint die Sonne und die Wege sind erstaunlicherweise schon wieder gut getrocknet. Lina darf sich noch ein Stoffwildpferd im Souvinier-Ger aussuchen und marschiert glücklich mit ihrem neuen "Thaki" (so heißen die Pferde) zum Rocky. Weiter geht's!

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Kommentare: 1
  • #1

    Annika (Samstag, 30 Juli 2016 13:00)

    Wow, was für Eindrücke, ich kann es kaum glauben. Ich freue mich total für euch, dass ihr so tolle Erfahrungen machen könnt und soviel Natur geniessen könnt.... Ganz viel spass weiterhin
    Alles Liebe von Jana, Henri, Carsten und mir