Ulan Bator

Nach einer abendlichen Minimücken-Attacke (stechen nicht, aber krabbeln überall hin und nerven total!) verbringen wir eine sehr ruhige erste Nacht in der Mongolei. So richtig können wir noch gar nicht glauben, dass wir jetzt wirklich da sind. Aber als auf der Strecke nach Ulan Bator immer mehr weiße Jurten (in der Mongolei heißen sie Ger) auftauchen, wir durch eine sanft hügelige grüne Landschaft, an vielen Ziegen, Schafen und Kühen vorbei fahren und wir die ersten Reiter sehen, fühlen wir uns schon wie inmitten einer Reportage über die Mongolei. Diese Bilder kannten wir bisher nur aus dem Fernsehen und sind plötzlich mittendrin. Von Anfang an beeindruckt uns die Weite und die Ruhe sobald man sich von der großen Straße entfernt. Wir sehen am blauen Himmel große Adler ihre Kreise ziehen, überholen kleine Laster mit Pferden, Schafen und sogar Kamelen, es ist richtig heiß und wir sind begeistert in welch gutem Zustand die Teerstrasse in Richtung Hauptstadt ist.

Nach einer Weile sehen wir links von der Straße auf einmal viele Pferde, eine Tribüne und einige Autos. Wir halten an, trauen uns nicht, die Piste weiterzufahren und laufen das kurze Stück mit Lina in der Trage. Die Leute schauen erstaunt, das scheinen sie nicht so oft zu sehen. Wir laufen an Pferden mit farbenprächtigen Satteln entlang und immer wieder fahren Laster mit Pferden weg oder kommen an. Auch einige Reiter galoppieren an uns vorbei. Scheinbar werden hier Vorbereitungen getroffen für das große Naadam-Fest was in ein paar Tagen startet. An diesem Nationalfeiertag finden überall im Land Pferderennen statt und wir hoffen, davon auch etwas mitzubekommen.
Unsere Mittagsrast machen wir an einem der vielen Gers mit bunten Bildern von verschiedenen Speisen am Straßenrand. Quasi die mongolische Pommesbude. Gespannt gehe ich mit Lina geduckt durch die kleine Tür und werde freundlich von einer jungen Frau begrüßt. Ich bestelle drei Khushur, mit Schafsfleisch gefüllte Teigfladen. Die kennen wir schon von gestern Abend. In dem Ger ist es angenehm kühl und wir werden eingeladen uns auf dem Ehrenplatz hinten links zu setzen. Michi kommt auch, wir trinken Milchtee, essen und schauen uns in dem farbenfroh eingerichteten Zelt um. Lina und die kleine Tochter des Hauses beschnuppern sich, sitzen zusammen auf dem kleinen Bettsofa und obwohl wir uns kaum verständigen können, klappt die Unterhaltung recht gut. Lina schmecken die Teigfladen auch sehr gut und so bestellen wir gleich nochmal drei. Danach sind die Finger und der Mund ganz fettig und den so typischen, allgegenwärtigen Geruch nach Ziege oder Schaf werden wir erstmal auch nicht mehr los. Wir verabschieden uns und die beiden winken uns zu als wir weiterfahren. Wie schön!
Und dann halten wir auch zum ersten Mal bei einem Ovoo an. Immer wieder sehen wir am Straßenrand diese Steinhaufen mit meist blauen Bändern. Es bringt den Reisenden Glück, wenn sie einen Stein oben auf den Haufen werfen und ihn dann drei mal umrunden. Es liegen nicht nur Steine auf dem Haufen, sondern auch alle möglichen anderen Opfergaben wie kleine Geldscheine,  Backwerk, Tücher und sogar Schafsköpfe! Da brauchte wohl jemand sehr viel Glück für die Fahrt! 
Unseren Schlafplatz finden wir ein Stück abseits der Straße mit Blick auf zwei Gers. Lina hüpft barfuß über das weiche, kurz gefutterte Gras, ich fange an zu kochen und Michi schraubt derweil unsere Reifen ab. Seit der Rocky in Irkutsk die neuen Bremsbeläge bekommen hat, quietscht es nämlich immer beim Bremsen! Es stellt sich heraus, dass die Russen scheinbar nicht die passenden Metallklammern hatten und die kleinen Dinger verursachen jetzt das Quietschen wenn die Scheibe dagegen drückt. Nix Schlimmes also, wir atmen auf!
Ein Reiter kommt vorbei und schaut Michi interessiert zu, dann treibt er seine Herde zusammen denn es wird schon langsam dunkel. Wir machen noch einen kleinen Spaziergang nach dem Essen, Lina genießt die große Wiese auf der sie sich austoben kann und wir beobachten Kühe die aus einem kleinen Bach trinken.
Am nächsten Morgen fahren wir die letzten Kilometer nach Ulan Bator. Der Verkehr nimmt zu, es wird lauter und die Luft stickiger. Die Mongolen fahren kunterbunt und hupen bei jeder Gelegenheit. Michi passt sich wie immer sofort an und mir bleibt derweil immer wieder mal kurz das Herz stehen. Aber alles geht gut! Jetzt müssen wir nur noch das Dragon Center finden. Denn dort wohnt Zula und seine Familie die wir besuchen wollen. Michi und er haben sich in 1999 kennengelernt, als er mit den Pfadfindern hier war. Über Facebook hatten wir den Kontakt hergestellt und wurden herzlich eingeladen.
Gerade als der Verkehr besonders dicht wird, ruft Michi: "Da! Dragon Center!" und deutet nach links. Super! Das hat ja schon mal prima geklappt! Wir schlängeln uns durch das bunte Chaos an dem Busbahnhof und drehen ein paar Runden um den Block bis wir einen Parkplatz haben. Lina hat einen Spielplatz entdeckt und muss dort trotz Hitze erstmal dringend hin, Michi kauft derweil noch im Minimarket ein. Ich kann es noch gar nicht fassen, dass Lina in der Hauptstadt der Mongolei zwischen mongolischen Kindern spielt, da spricht mich auch schon eine Frau in bestem Englisch an. Wir unterhalten uns sehr nett und sie erzählt, dass sie in London lebt und gerade ihre Familie besucht. Als sie weg ist, kommt Michi zum Glück bald und wir verlassen den Spielplatz, denn einige Betrunkene sind etwas penetrant und sprechen mich immer wieder an. Zula erzählt uns später, dass es in seinem Viertel sehr viele Alkoholiker gibt und wir den Rocky lieber auf einen bewachten Parkplatz stellen sollen. Machen wir. 
Nach einem kurzen Anruf kommt uns Zula entgegen und wir gehen zusammen zu seiner Wohnung im sechsten Stock eines alten Plattenbaus. An der Tür muss man eine Nummer eingeben um rein zu kommen, wir quetschen uns in den kleinen Aufzug dessen Türen so schnell schließen, dass man aufpassen muss, nicht eingeklemmt zu werden und nach zwei weiteren Türen stehen wir in Zulas Wohnung. Drei neugierige Kinderaugenpaare schauen uns an, wir dürfen uns setzen, bekommen kalte Getränke und nach der ersten Scheu spielen die vier Kinder ausgelassen miteinander. Auf dem Boden und an den Wänden sind große Teppiche, auf einem Dschinghis  Khan. Als Zulas Frau von der Arbeit nach Hause kommt, essen wir zusammen. Ich bin hingerissen wie selbstverständlich Lina den Reis in ein grünes Algenblatt einwickelt und isst, sie macht es einfach den anderen Kindern nach. Als es kühler ist, gehen wir gemeinsam nochmal raus auf den Spielplatz und alle können sich austoben. Zula erzählt viel über Land und Leute, Sitten und Gebräuche und wir freuen uns durch ihn und seine Familie einen besonderen Zugang zu dem Land zu bekommen. Lachend erklärt er uns noch seinen Wasserhahn im Bad, man muss unten den Haupthahn für kaltes Wasser aufdrehen, warmes geht oben und falls wir Wäsche waschen wollen, müssen wir alle 15 Minuten das Wasser ausleeren, denn die Waschmaschine ist nicht ans Abwasser angeschlossen. Spät am Abend legen wir uns im Wohnzimmer auf dem Boden schlafen und die anderen fünf liegen gemeinsam im Schlafzimmer. Dass hier die ganze Familie zusammen schlafen geht, erleben wir später noch öfter.
Zula fährt uns am nächsten Tag nach dem Frühstück, welches aus Marmeladenbroten und leckeren Teigbällchen in Milch mit Reis besteht, mit seinem Auto in die Stadt. Ich sitze mit Lina auf dem Schoß hinten. Kindersitze hab ich hier noch keine gesehen und Anschnallpflicht gilt eigentlich nur für die vorderen Sitze erzählt Zula, außerdem meint er, die Mongolen würden Auto fahren wie sie reiten. Jetzt verstehe ich auch, warum hier kreuz und quer gefahren wird und es scheinbar keine Regeln gibt. In der Steppe gibt es ja keine Ampeln und rechts vor links bestimmt auch nicht ;-) Lina genießt es mal den Kopf aus dem Fenster halten zu können, wie so viele andere Kinder auch. Mitten in der Stadt, am Rand einer Tankstelle direkt an der lauten Straße, sehen wir die großen deutschen Wohnmobile vom Baikal stehen. Michi sagt nur trocken: "Na die haben sich ja hier ein besonders gemütliches Plätzchen gesucht!"
Wir gehen zur Post, ins Internetcafé und beantragen dann noch auf der russischen Botschaft unsere Transitvisa für die erneute Einreise auf dem Weg nach Kasachstan. In einer Woche können wir sie erst abholen! Macht nix, wir wollten ja sowieso noch ein paar Tage in der Gegend bleiben. Als wir an einer Ampel neben einem Wohnmobil mit Hamburger Kennzeichen stehen, rufen wir laut "Moin!" rüber, ernten erstaunte Blicke und wildes Winken. Ein paar Tage später kommen sie uns nochmal im Nationalpark entgegen, so klein ist die Welt, bzw. die Mongolei. 
Zu dritt bummeln wir noch ein bisschen durch die Stadt. Da es sehr warm ist, sind wir nicht wirklich motiviert eine ausgedehnte Sightseeingtour zu unternehmen und so richtig schön ist Ulan Bator dann auch nicht. Auf dem großen Suchbaatar-Platz wird schon eine große Bühne für das Naadam aufgebaut und Michi schaut ein bisschen seinen mongolischen Kollegen zu. Wir laufen an Pizzerien, Koreanern und einem deutschen Supermarkt vorbei, in einem großen Einkaufszentrum gehen wir ausgiebig auf Souvinierbeutetour. Ulan Bator wirkt auf uns wieder viel internationaler als die großen russischen Städte. Mit dem Bus fahren wir zurück und an diesem Abend gibt es Buuz, die im Dampf gegarten gefüllten Teigbeutelchen die wir schon aus Russland kennen. Zulas Frau macht sie sogar selbst mit der Hand. Ich probiere auch mal den Teig zu falten, aber meins wird etwas eierig. Dafür hab ich es immerhin geschafft, vorher die zwei gefrorenen Blöcke Fleisch in kleine Würfelchen zu schneiden. 
In dieser Nacht ist das Halbfinalspiel Deutschland gegen Frankreich. Dank Zeitverschiebung um 4 Uhr! Michi und Zula ziehen spät abends los, während Lina und ich schon erschöpft im Rocky schlummern.
Um halb 8 ist Michi wieder da und erstaunlicherweise fit genug um die Fahrt zum Terelj Nationalpark anzutreten.

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