Baikalsee

Wir lassen Irkutsk hinter uns und fahren eine kurvige Straße durchs Gebirge. Dahinter wartet das letzte große Reiseziel auf russischer Seite auf uns. Der Baikalsee. Der, mit mehr als 25 Millionen Jahren, älteste und tiefste Süßwassersee der Erde. Im Durchschnitt ist er 700 Meter und an der tiefsten Stelle 1642 Meter tief. Er ist 673 km lang, maximal 82 km und im Durchschnitt 48 km breit. Der Baikal ist das größte Süßwasserreservoir der Erde mit einem Fünftel der flüssigen Süßwasserreserven. Sein Volumen ist größer als das der Ostsee und etwa 480 mal so groß wie das des Bodensees. Wir sind gespannt!

Der Rocky biegt um die letzte Kurve, fährt über die Kuppe und da erstreckt sich schon das strahlende Blau vor uns. Wir halten direkt an einer der wenigen Parkbuchten an und finden uns inmitten von deutschen Wohnmobilen wieder! Und auch noch drei auf einmal! Auf der ganzen langen Strecke durch Russland haben wir bisher nur drei andere Kennzeichen außer russischen gesehen: ein luxemburgisches, ein italienisches und ein deutsches. Wir steigen aus und direkt wird munter drauflos geplaudert: "Wo kommt Ihr her? Wo wollt Ihr hin?" Und die obligatorische Frage ob wir denn überall Windeln bekommen. Darüber hatten wir uns gar keine Gedanken gemacht und bisher gab es da auch noch keine Probleme. Kinder gibt es überall und dann wird es da auch Windeln geben. 
Ich lasse mich etwas verunsichern von den riesigen Wohnmobilen und Aussagen wie "Mongolei ohne Allrad? Keine Chance!". Michi bleibt wie immer ganz gelassen und meint nur: "Die hatten eine Satellitenschüssel auf dem Dach und machen geführte Stadtrundgänge! Das ist nicht unsere Kategorie Camper!" 

Und so geht es weiter den Berg runter bis zum See. Von oben hatten wir eine Stelle gesehen, die nach einem schönen Rockyplatz aussah und da bleiben wir auch erstmal. Umringt von Kühen plätschern wir im Wasser und freuen uns über die Abkühlung. Wir waschen zum ersten Mal in unserer neuen Waschmaschine unsere Wäsche. Mit Baikalseewasser! Am Straßenrand hatten wir eine Tonne mit großem Loch gekauft, in die kommt die Wäsche, Wasser und Waschmittel. Lange Rockyfahrten sorgen für Bewegung und Einweichen. 
Als wir auf unserer Decke sitzen und Kaffee trinken, kommt ein blauer Transporter in unsere Richtung gerumpelt. Er kommt näher und wir erkennen das deutsche Kennzeichen NOM. Es ist Ernst vom Campingplatz in Moskau. Was für ein Zufall! Er ist alleine mit seinem selbst ausgebauten VW und Kajak unterwegs. Wir freuen uns über das Wiedersehen und tauschen Reiseberichte aus. Um uns herum haben sich mittlerweile außer Kühen auch noch immer mehr Leute zum Baden eingefunden und natürlich dürfen auch mal wieder die Party People mit lauter Musik nicht fehlen. Einer von ihnen bittet uns beim Essen um ein Messer und Michi murmelt als er mit unserem Opinel abzieht: "Hoffentlich sticht er damit nicht seinen Kumpel ab!" Aber er wollte wohl nur eine Wurst damit schneiden und bringt es gespült mit Seewasser wieder zurück. Bis wir Lina ins Bett bringen sind die Jungs und Mädels schon wieder verschwunden und wir sitzen noch gemütlich mit Ernst draußen zusammen. Endlich mal ohne Mücken! Denen ist wohl der See zu kalt! 

Am nächsten Morgen verabschieden wir uns und Ernst gibt uns noch ein paar gute Tipps mit auf den Weg. Wir tanken den Rocky und zum ersten Mal auch die Ersatzkanister voll, kaufen ein und dann folgt noch eine Premiere: der Rocky ist total dreckig und muss dringend in die Waschstraße! Für 400 Rubel (ungefähr 6 Euro) wuseln fünf Frauen um unser zu Hause herum und nach einer halben Stunde erkennen wir unseren Rocky kaum wieder! So sauber war er noch nie!

Wir fahren nach einer Mittagsrast am Schaschlikgrill um den unteren Zipfel des Sees herum, nach wie vor neben der Strecke der Transsib entlang und versuchen einen Platz am Wasser zu finden. Gar nicht so einfach, nach ein paar Irrfahrten durch winzige Wege in dichtem Buschwerk stoßen wir aber plötzlich und völlig unerwartet auf einen absoluten Traumstrand an diesem riesigen See! Heller Sand, klares Wasser, blauer Himmel ... wow! Wir fühlen uns wie an einem Ostseestrand mitten im Sommer, nur dass nicht ganz so viel los ist. Und Strandkörbe gibt es keine ;-)
Wir schwimmen, genießen die Sonne und Lina ist glücklich mit so viel Sand und Wasser beschäftigt! Abends sitzen wir ganz lange zu dritt am Feuer, Lina sieht zum ersten Mal bewusst so viele Sterne und hat auch gleich einen Lieblingsstern.

Weil es hier so schön ist und wir auch noch ein paar Tage Zeit haben bis unser Visum abläuft, bleiben wir noch einen halben Tag. Mittags halten zwei Russen bei uns an und reden auf uns ein. Irgendwann verstehen wir, dass sie gerne ihr Schaschlik in unseren Kühlschrank legen würden. Aber wir wollen ja bald schon weiter fahren. Ein paar Kilometer sollten wir noch schaffen.

Ernst hatte uns einen Strand ein Stück weiter oben am See empfohlen, allerdings war er unter der Woche dort und es war sicher nicht so viel los wie jetzt am Wochenende. Etwas unentschlossen stehen wir in dem Gewusel und fragen uns, wie man wohl auf diese schmale einsame Landzunge kommt, die man von hieraus sieht. Da muss es doch einen Weg geben! Der Ehrgeiz ist geweckt und so rumpeln wir über holprige Feldwege immer weiter am See entlang. Der Weg wird langsam enger und sandiger, bzw. teilt sich und einer geht direkt am Strand entlang. Nix für den Rocky beschliessen wir und wollen eigentlich am Rande des Strands stehen bleiben. Doch wir sind schon ein paar wenige Meter zu weit gefahren und stecken fest. Die Räder drehen durch und nichts geht mehr. Oh nein! Also heißt es Schaufel holen, Räder ausgraben, Steine unterlegen, Schneeketten aufziehen und erneut versuchen. Doch der Rocky gräbt sich nur noch tiefer in den Sand und steckt bald mit beiden Vorderreifen bis auf's Bodenblech tief im Sand fest. Mist! Gerade sage ich zu Michi: "Das schaffen wir nicht ohne Hilfe!", da kommt ein Lada 4x4 den Strand entlang geholpert. Michi hält ihn an und bittet um Hilfe. Der junge Mann steigt direkt aus, schaut sich die Bescherung an und dann geht alles total schnell. Michi und er graben die Reifen aus, mit Hilfe des Wagenhebers kommt der Rocky Stück für Stück wieder aus dem Sand heraus, es werden Äste die am Strand liegen untergelegt und das Abschleppseil befestigt. Beide Männer steigen ein und starten die Motoren.
Lina und ich stellen uns ein Stück entfernt in den Schatten und ein Stoßgebet später steht unser Auto wieder auf dem festen Weg! Das Ganze hat nur wenige Minuten gedauert und ich merke, wie ich erleichtert ausatme und die Anspannung nachlässt. Unser Retter sitzt schon wieder in seinem Auto, wir bedanken uns vielfach und die Flasche Wodka mit der wir uns erkenntlich zeigen wollen, lehnt er ab. "I don't drink!" Da haben wir wohl den einzigen Russen erwischt, der keinen Wodka trinkt!

Michi ist nass geschwitzt und bevor wir die ganzen Gerätschaften wieder verstauen, trinken wir erstmal ganz viel Wasser und einen Kaffee. Den Rocky bewegen wir an diesem Tag nicht mehr und eigentlich gefällt uns der Platz trotz der Uffreschung dann doch ganz gut. Lina buddelt im Sand und wir beobachten etwas neidisch die ganzen Allradautos die direkt am Strand, teilweise durch's Wasser fahren. Michi bastelt im Geiste schon an "Rocky 2 mit Allrad" :-) 
Im Wäldchen neben uns campt eine russische Großfamilie und als ich Lina ins Bett bringe, wird es Michi nicht langweilig. Er bekommt am Feuer Gesellschaft von einem ziemlich abgerissenen und sternhagelvollen Wanderer, der wohl auf dem Weg in den nächsten Ort ist. Die beiden leisten noch zusammen Erste Hilfe, denn ein junges russisches Paar hat sich ebenfalls im Sand festgefahren und müssen raus geschoben werden. Das scheint hier wohl öfter zu passieren und nicht nur uns Touris.

Und dann müssen wir uns schon vom Baikalsee verabschieden, denn unsere letzte Etappe in Russland beginnt: der Weg über Ulan-Ude in Richtung mongolische Grenze.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0