Schwimmen und waschen in Sibirien

Seit Finnland werden wir die Mücken nicht mehr los. Mittlerweile sind wir in Sibirien angekommen und dass die Wiesen komplett von Sumpf und kleinen Seen durchzogen sind, macht es nicht besser. 

 

Der Rocky wird von den Viechern nur so belagert und ist schon übersäht von Mückenleichen und roten Blutflecken. Heute morgen war es so schlimm, dass wir fluchtartig unseren Nachtplatz (mitten in einer kleinen Stadt in der Hoffnung auf weniger Mücken) verlassen haben und erstmal schnell weiter gefahren sind. Unter dem Moskitonetz waren wir zwar sicher, aber an ein gemütliches Frühstück war gar nicht zu denken. 

 Also packen wir Lina noch im Schlafanzug und ne Kleinigkeit zu essen zusammen und fahren in Richtung Omsk. Wir fühlen uns total klebrig, verschwitzt, zerstochen und wollen nur eins: viel Wasser und möglichst lange! Also ab ins Schwimmbad. Eins finden wir in der Stadtmitte, das ist aber leider geschlossen. Beim nächsten haben wir mehr Glück, es ist offen und auf Fotos im Eingangsbereich sehen wir Schwimmbecken und Kinder. Super! Dann kann ja nichts mehr schief gehen. Aber wie funktioniert das hier? Wir entziffern die Worte "Kasse" und "Administrator". Bei der einen Dame bezahlen wir insgesamt knapp 5 Euro umgerechnet und die andere Dame erklärt, dass wir warten sollen. Gut, machen wir. Wie lange und worauf? Keine Ahnung. 20 Minuten später geht es dann los. Ein paar andere Badegäste haben sich noch zu uns gesellt und wir gehen zum Schalter am Ende der Halle. Die Dame dort schickt uns wieder zurück, weil wir erst noch unsere Schuhe an wieder einem anderen Schalter abgeben müssen. Für ein paar Rubel kaufen wir eine Plastiktüte und schon hängen unsere Schuhe neben denen der anderen Badegäste an einer Garderobe. Soweit so gut. Wieder zurück zum letzten Schalter und dort bekommen wir noch ein Armbändchen mit Schlüssel für den Spind. Lina kann es nicht abwarten und läuft schon los. Allerdings zur falschen Tür. Die erst so streng dreinblickende Angestellte hat wohl ein Einsehen und führt uns nun sogar selbst nach oben zu den Umkleiden. Sie zeigt auf Michi und die rechte Seite, dann auf Lina und mich und auf die linke Seite. In dem kleinen Raum stehen ein paar niedrige Holzbänke und Metallspinde. Wir ziehen uns mit den anderen um, gehen duschen und dann voller Erwartung weiter in die heilige Schwimmhalle. Die besteht aus einem 25-Meter-Becken, am Rand überall olympische Ringe und kleine Flaggen verschiedener Länder neben einer großen russischen Flagge. Kein Kinderbecken? Okay, egal. Hauptsache Wasser! Denke ich und winke Michi begeistert, der schon seine Bahnen zieht. Da kommt die Bademeisterin auf mich zu und gibt mir zu verstehen, dass ich eine Bademütze brauche! Hab ich natürlich nicht. Sie sieht mich kopfschüttelnd an und ich sehe schon meine Chancen auf baldige Erfrischung schwinden. Doch sie hat wohl Mitleid und bedeutet mir, ich soll warten. Kurz darauf kommt sie mit einer Bademütze wieder. Ich verstehe, dass es ihre Mütze ist und ich sie ihr nachher wieder zurück geben soll. Ich bedanke mich mehrfach und gnädig entlässt sie mich nun zum Schwimmbecken. Wir schwimmen und plätschern, genießen das viele Wasser und immer wenn Lina besonders laut quietscht, schiele ich zu der autoritären Schwimmmeisterin... 

Nach genau 45 Minuten ertönt ein schriller Ton, mir bleibt fast das Herz stehen und alle verlassen sofort das Becken. Die Badezeit ist um, ich gebe meine Mütze wieder ab und wir gehen duschen. Eine alte Frau bittet mich, ihren Verschluss vom Badeanzug zu öffnen und unter den nackten Frauen fühle ich mich gar nicht mehr so fremd. In der Umkleide sitzt nun eine wieder neue Dame an einer Art Schreibtisch. Sie macht scheinbar sauber nach jedem neuen Schwung Badegäste. Ich fühle mich etwas beobachtet und beeile mich beim Anziehen. 
Erfrischt und abgekühlt treffen wir drei uns in der Eingangshalle wieder, wir bekommen unser Tütchen mit Schuhen, Lina gibt die Schlüssel zurück und verzückt damit die ganzen Damen der Omsker Schwimmhalle. 
Jetzt noch schnell in einer Apotheke was gegen Mückenstiche und im nächsten Laden was gegen Mücken kaufen und einen Schlafplatz suchen. Wir finden gleich alles in einem, denn als wir nach erfolgreichem Einkauf feststellen, dass es auf dem Supermarktparkplatz keine Mücken gibt, beschließen spontan dort unser eben erstandenes Schaschlik zu grillen und bleiben gleich da.
Am Rande des Parkplatzes steht der Rocky nun, Michi grillt, Lina fährt die Puppe spazieren und ich gehe mit einer großen Tüte Wäsche in den Waschsalon des Supermarktes. Die freundliche Frau die dort arbeitet, hilft mir mit Waschmaschine und Trockner und wir kommen ins Gespräch. Sie erzählt mit ein paar Brocken deutsch und Händen und Füßen, dass ihre Tante und Onkel in Deutschland leben. Bei Kassel. So klein ist die Welt! Mit Lina komme ich nach dem Essen wieder um die Wäsche abzuholen. Sie ist entzückt von unserer Kleenen, scherzt und lacht mit ihr, drückt am Schluss ganz fest meine Hand und wünscht uns alles Gute. Wie schön!
Als Lina schläft, geht Michi nochmal in den Supermarkt um Bier zu kaufen. Die Frau an der Kasse schüttelt den Kopf: zu spät für Alkohol! Was? Wir sind in einem Land in dem 85% der Männer regelmäßig Alkohol trinken und dann kann man abends nichts mehr kaufen? Michi geht einmal um den Block und kommt grinsend mit ein paar Dosen wieder. Die russische Uma Thurman in Kittelschürze vom Tante Emma Laden nebenan darf wohl Alkohol auch zu später Stunde noch verkaufen. Na dann, Prost! Auf einen Tag mit vielen neuen Erkenntnissen und hoffentlich eine mückenfreie Nacht!

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