Sankt Petersburg

So. Neuer Tag, neues Glück. Wieder nähern wir uns der russischen Grenze. Wieder geht es ganz schnell auf finnischer Seite und diesmal können wir auch weiter fahren zur russischen Seite. Da ist etwas mehr los, es dauert eine Weile bis wir dran kommen, müssen erstmal raus finden, welche Zettel man ausfüllen und wo man sie wieder abgeben muss, aber ansonsten ist die Einreise völlig unkompliziert. Die beiden Beamten vom Zoll schauen nur mal kurz hinten in den Rocky rein, aber wohl mehr aus persönlichem als aus dienstlichem Interesse heraus. Den Anschein hat es zumindest. Und ob das Foto, was sie von unserem bunten Gefährt machen, reine Routine ist oder ob wir in irgendeiner Galerie "lustiger Autos an der Grenze" wieder auftauchen, werden wir wohl nicht erfahren. 

Ja und dann - zack - sind wir in Russland. Diesem riesigen Land von dem wir wenig wissen, über das wir aber schon vieles gehört haben. Wie werden die Leute sein, wie werden wir mit der Sprache klar kommen, wie sind die Straßen? Kommen wir schnell genug vorwärts um bis zum Ende des Visums in 30 Tagen in Irkutsk, am Baikalsee, in Sibirien zu sein? 

Aber eins nach dem anderen. Unsere erste Etappe führt uns nach Sankt Petersburg. Direkt hinter der Grenze bemerken wir schon den Unterschied zu Finnland. Holprigere Straßen, keine Leitplanken, ältere Autos, verfallene Häuser und viel mehr Müll am Wegesrand. Die Autobahn ist dann aber eigentlich in recht gutem Zustand und wir kommen schnell vorwärts. Es sind sehr viele LKWs unterwegs und wir sehen ausschließlich russische Kennzeichen. Wir fahren immer wieder durch kleine Orte die aus bunten teils halb verfallenen Holzhäusern bestehen und am Straßenrand wird allerlei verkauft. 

Und bald tauchen schon die ersten großen Plattenbauten am Stadtrand von Sankt Petersburg auf, der Verkehr nimmt zu, wir sehen die ersten goldenen Zwiebeltürme, versuchen kyrillische Schilder zu entziffern und fühlen ein gespanntes Kribbeln in uns. Vor uns werden Autos angehalten und kaum haben wir den Gedanken "Hoffentlich jetzt keine Polizeikontrolle!" zu Ende gedacht, werden wir auch schon raus gewunken. Der Polizist redet sehr freundlich lächelnd auf uns ein, wir verstehen kein Wort, können aber nachdem er einen Blick in unsere Papiere geworfen hat, direkt weiter fahren. 

Dank Matti und Irina die wir in Imatra in Finnland kennengelernt hatten, haben wir schon eine kleine Vorstellung von der Stadt und finden schnell ins Zentrum wo wir auch direkt parken können. Mal was ganz Neues: kein Parkplatzmangel und keine Parkgebühren! Mit Lina in der Trage laufen wir los. Erstmal immer den Nevskiy Prospekt entlang, der Straße mit den meisten Restaurants, Geschäften und Souvenirläden. 

In einer Seitenstraße finden wir zufällig ein kleines Café in einem bunt gestalteten Innenhof. Lina entscheidet, dass wir hinein gehen, denn es "ist so schön warm und bunt". Und dann finden wir uns in einem Café wieder das ich eher in Berlin oder Brüssel vermuten würde, aber nicht in Russland. Es ist ein sogenanntes "Timecafé" in dem man für die Zeit bezahlt die man dort verbringt., erklärt uns das junge Mädel das uns Willkommen heißt. Es läuft chillige Musik, wir ziehen die Schuhe aus, Lina findet Stifte und Papier zum Malen und auf dem kuscheligen Sofa fühlen wir uns direkt wie zu Hause. Und so bleiben wir auch eine ganze Weile, bezahlen 100 Rubel für die Zeit und haben noch kein Gefühl dafür ob das viel oder wenig ist. 

Hier wird es zwar wieder früher dunkel als oben am Polarkreis, aber immer noch ist es ziemlich hell, dafür dass es schon 22 Uhr ist. Jetzt noch zum Campingplatz fahren wie wir es eigentlich vor hatten? Ach was soll's, wir bleiben einfach in der Stadt, essen in einem total hippen aber völlig chaotischen Selbstbedienungsrestaurant und gehen dann zurück zum Rocky. Der steht in einer Spielstraße mitten im Zentrum und sogar direkt unter der Kamera eines Hauses. Perfekt! Trotz vorbei donnernder Autos (Spielstraße? Interessiert die Russen nicht die Bohne!) schlafen wir prima und werden am nächsten Morgen wie immer gegen 9 Uhr wach.

Der Himmel ist etwas bewölkt und ab und zu regnet es, aber wir machen trotzdem eine Bootstour durch die Kanäle. Wir kommen an vielen großen alten Gebäuden vorbei und unter zahlreichen Brücken durch. Hat ein bisschen was von Amsterdam oder Venedig. Wäre da nicht die ambitionierte Frau am Mikrofon die eine geschlagene Stunde ununterbrochen (natürlich auf Russisch) erzählt. 

Michi findet anschließend einen kleinen Laden der sich "I can fix" nennt und in 15 Minuten ohne Termin für 1700 Rubel (etwas mehr als 20 Euro) einen neuen Akku in mein Telefon baut. Toll! 

Dafür lassen wir uns danach von dem Taxifahrer der uns zurück zum Rocky bringt über's Ohr hauen. Eigentlich sollten wir ja wissen, dass man vorher nach dem Preis fragt.... Egal, wir müssen den Weg quer durch die Stadt nicht zu Fuß zurück laufen und Lina erlebt die erste Taxifahrt ihres Lebens. Und ich stelle fest, dass auch ein russischer Taxifahrer nicht schnittiger fährt als mein Mann. Der hat sich nämlich völlig der örtlichen Fahrweise angepasst und überholt munter rechts und links wie alle anderen auch, fährt über Ampeln die so rot sind, dass sie schon fast wieder grün werden und findet Abkürzungen die wahrscheinlich kein Russe kennt ;-)

Nachdem Lina noch eine Runde auf einem tollen Spielplatz gedreht hat, gehen wir essen. Voller Erwartung steuern wir auf das georgische Restaurant zu, was Matti aus Finnland uns empfohlen hat. Es scheint wirklich ein absoluter Insidertipp zu sein, denn von außen sieht man kaum, dass die Treppe nach unten in ein Restaurant führt. Der kleine Raum ist voller Menschen und alle schauen uns an. "Geschlossene Gesellschaft" bedeutet uns eine ältere Frau, zeigt uns aber den Weg zu einem armenischen Restaurant ganz in der Nähe. Oh wie schade! Zu gerne hätten wir die Grüße ausgerichtet und die empfohlenen Gerichte probiert. Naja, da kann man nichts machen. Aber da wir Bärenhunger haben, überlegen wir nicht groß und kehren nebenan ein. Armenisch haben wir ebenso wie georgisch noch nie gegessen und sind gespannt. In das kleine Restaurant verirren sich bestimmt nur selten Touristen, zwei Tische sind schon mit laut lachenden und plaudernden Gruppen belegt, die junge Bedienung spricht nur russisch, aber immerhin ist die Karte auch auf englisch. Und so dick wie ein Telefonbuch! Wie soll man sich denn da entscheiden? Wir bestellen kreuz und quer, bekommen Salat mit sauer eingelegten Tomaten und Gurken, büschelweise Kräuter, Käse, lustige Teigbeutelchen, Schinken, Hack am Spieß, unglaublich scharfes Gemüse und Nusskuchen. Lina trinkt den vierten "Abbelsaft" des Tages, will am liebsten nackt durchs Restaurant rennen und die Bedienung lacht ihr immer wieder zu. 

Voll gefuttert gehen wir die wenigen Schritte zum Rocky und auch in dieser Nacht schlafen wir wieder trotz nächtlichem Strassenverkehr direkt neben uns, sehr gut. Ob das was mit den ganzen Abgasen der klapprigen Autos zu tun hat, die ganz sicher unseren TÜV nicht bestehen würden? ;-)

Am nächsten Morgen geht es weiter zu unserem nächsten großen Ziel: Moskau!

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Kommentare: 2
  • #1

    Moritz (Freitag, 10 Juni 2016 08:19)

    Hallo Ihr drei,
    na fein, dass das so gut geklappt hat mit der Einreise nach Russland.
    Ich folge euren Reiseberichten immer ganz gespannt und freue mich jedesmal auf den nächten Beitrag aus einem der spannenden Länder durch die Ihr fahrt.
    Ich wünsche euch noch gaaaanz viel Spaß auf eurer Tour durch die Welt. Lasst es euch gut gehen und genißt die kulinarischen Angebote auf der Reise.
    vlg Moritz

  • #2

    Bernd (Sonntag, 12 Juni 2016 15:47)

    Hi ihr drei,

    Jochen Karger, ein Freund und euch sowieso bekannt, hat mich auf diesen Blog gebracht. Und beim Durchstöbern fällt mir einerseits Angelo Kelly ein, der mit seiner Familie ganz Ähnliches wahr hat werden lassen. Und dann erinnert es mich u. a. auch an meinen eigenen Reiseblog in Australien / Neuseeland.

    Ich wünsche euch noch eine tolle Zeit!

    Bernd

    PS: Michi, in Sachen Reisen und Fliegen haben wir zwei Gemeinsamkeiten. Vielleicht gehn wir mal im Duo in die Luft, wenn ihr zurück seid. Für Groundhandling ziehn wir uns aber besser den Helm an. Ach was solls, Groundhandling... in die Luft solls ja gehn (im August für mich in Slowenien).