Von Estland nach Finnland

Die letzten Tage in Estland verbringen wir auf einem wirklich tollen Campingplatz südlich von Tallinn. Wir grillen, waschen vier Maschinen Wäsche (unter anderem endlich auch mal die Bettwäsche), duschen noch Herzenslust, basteln Flaschenpost und für Lina gibt es einen Spielplatz und viele Tiere. Der Platz ist ein Familienbetrieb und alle sind sehr nett, fast sind wir schon wieder mit den stoffeligen Esten versöhnt. Der Besitzer erzählt, dass die große Anlage eigentlich nur ein Hobby ist und er das Ganze neben seinem Beruf betreibt. Erstaunlich, denn es gibt noch Ferienhäuschen, einen Grillplatz mit Bühne und den kleinen Zoo mit Pferden, Schafen, einem Esel, Hasen, Kühen, Ziegen, Nutrias und einem Pfau der Lina in den Finger pickt. 

 

Anfangs sind wir die einzigen auf dem Platz, aber nach und nach füllt es sich. Hauptsächlich mit älteren deutschen Paaren die pünktlich um 20 Uhr in ihr Luxusmobil gehen um die Tagesschau zu sehen und dann auch nicht mehr raus kommen. Wir haben irgendwie andere Vorstellungen vom Campen und sind die meiste Zeit draußen. Vor allem bei dem herrlichen Wetter! Wir fühlen uns schon fast wie Hippies mit unserem selbst ausgebauten Rocky unter den gediegenen Campern. Mit einem Paar unterhalte ich mich nett und die Frau will direkt mitkommen, als sie hört dass wir in die Mongolei wollen. Wir hätten sie direkt als Babysitterin eingestellt ;-)

 

Lina und ich verbringen dort ein Mädelswochenende während der Papa mal kurz nach Frankfurt zu einem Junggesellenabschied fliegt. Als er wieder da ist, wartet schon eine bunte Überraschung auf ihn :-)

 

Und dann geht es auf zum nächsten Abenteuer: der Fahrt mit der großen Fähre über das große Meer. Lina verfolgt gespannt wie ein Bus und LKW nach dem anderen in dem dicken Bauch des Schiffs verschwinden und schon sind wir an der Reihe. Der Rocky fährt über die Rampe und parkt zwischen den großen Lastern. Die zweieinhalb Stunden nach Helsinki vergehen wie im Flug, es gibt für Lina eine Spielecke mit vielen anderen Kindern und auf dem Sonnendeck lassen wir uns den Wind durch die Haare wehen. Wir schicken unsere Flaschenpost auf die Reise und freuen uns auf ein neues Land! 

Die Idee noch die restliche Zeit bis zum Beginn des russischen Visums in Finnland zu verbringen, kam spontan und wir sollten es nicht bereuen.

 

 

Denn schon direkt der erste Eindruck den wir in Helsinki bekommen ist mehr als gut. Die Leute schauen sich hier wieder an, man bekommt mit, was der andere so macht und ob jemand vielleicht Hilfe braucht. Die Menschen sind durchweg freundlich, weltoffen und es wird viel und herzlich gelacht. Es herrscht wieder eine bunte Vielfalt an Kleidungsstilen, Figuren, Haarfarben und Frisuren. Die Klischee-Finnen mit Totenkopf-Tattoos, Bart mit Zöpfchen und rasiertem Kopf gibt es auch :-) Morgens beim Frühstücken tanzt ein Mädchen zu Kopfhörermusik an uns vorbei. An der Kasse wird sogar netter Smalltalk gehalten, die Leute sind interessiert woher wir kommen und was wir machen wenn sie mitbekommen dass wir Ausländer sind und nicht misstrauisch wie in Estland. Direkt auf dem ersten Spielplatz unterhalten wir uns lange mit einer anderen Mama. Erst jetzt fällt uns so richtig auf wie sehr einem das fehlen kann und atmen auf. Sie erzählt uns zum Beispiel, dass der Spielplatz den wir zunächst für einen Kindergarten halten, eine betreute Einrichtung ist wo Kurse stattfinden, jedes Kind kostenlos Essen bekommt und Eltern mit Kindern jederzeit hinkommen können. Tolle Sache! Überhaupt ist Helsinki total kinderfreundlich und wirbt auch damit "Die Stadt der Kinder" zu sein. Jeder kann kostenlos mit den Straßenbahnen fahren wenn er einen Kinderwagen schiebt (mit Kind drin versteht sich, im Idealfall das eigene). Warum gibt es sowas bei uns nicht? Gefühlt ist die Stadt auch voll mit Kindern und die meisten Paare haben mindestens zwei, eher mehr. Es gibt endlich wieder überall Wickelmöglichkeiten und man muss nicht irgendwo in einer Ecke auf dem Boden wickeln und erntet dabei noch tadelnde Blicke! In Restaurants und Cafés, Supermärkten und Tankstellen wird man angelächelt und freundlich bedient. Die Finnen sprechen außerdem meistens super englisch. Oft viel besser als wir. An einer Fleischtheke fragen wir nach Rentierfleisch (die Autokorrektur macht daraus Rentnerfleisch :-)) und die freundliche Bedienung kommt mit uns zur Tiefkühltheke weil es das Fleisch nicht frisch gibt. Sie zeigt uns völlig in Ruhe die verschiedenen Sorten und fragt nebenbei noch woher wir kommen, wünscht uns eine gute Weiterreise und einen schönen Tag. Der Hammer! Überhaupt sind die Leute hier auffällig entspannt, sowohl beim Einkaufen als auch im Strassenverkehr. Kein Drängeln und wildes Überholen wie bei uns. Man hält Abstand und meistens wird eh nicht schneller als 100 km/h gefahren. Sehr angenehm!

 

Helsinki ist also mal wieder so eine richtig lebendige große Metropole mit dem ganzen Trubel der so dazu gehört, hat aber auch sehr viele ruhige grüne Fleckchen und Strände. Wir fahren mit der Straßenbahn einmal im Kreis durch die ganze Stadt und steigen immer mal wieder aus wo es uns gefällt. 

 

Am nächsten Tag sind wir noch im Linnanmäki, einem großen Vergnügungspark mitten in der Stadt. Es kostet keinen Eintritt und die Fahrgeschäfte für die Allerkleinsten sind sogar auch frei. Lina findet an dem Tag alles doof, aber Karussell fahren kann sie dann doch begeistern.

 

Als Ziel in Finnland haben wir uns den Polarkreis ausgeguckt und fahren von Helsinki aus nach Norden. Die Nächte werden immer heller und die Mücken zahlreicher. Finnland ist durchzogen von unzähligen kleinen und großen Seen und Flüssen, es gibt viel urwüchsigen Wald und die Landschaft ist auch wieder hügeliger, nachdem das komplette Baltikum flach war. Wenn ich recht überlege, hatten wir seit dem Grenzgebiet zwischen der Slowakei und der Ukraine keine Berge mehr! Da es hier so viel Wasser gibt, wird auch dementsprechend viel gefischt und Boot gefahren. Bunte Farbtupfer in dem vielen Grün der Wiesen und Wälder und dem Blau der Seen sind die rot und weiß gestrichenen Häuser die ich bisher nur aus Schweden kannte. 

 

Nach dem Besuch beim Weihnachtsmann, seinen Rentieren, den Huskies und über den Polarkreis gesprungen zu sein, geht es wieder weiter in Richtung Südosten. Wir feiern meinen Geburtstag, baden in kalten finnischen Seen, waschen uns darin mit Kernseife (bin Kernseifen-Fan geworden, dachte immer ohne Shampoo und Spülung könnte ich meine Haare gar nicht durchkämmen....), grillen unser Rentierfleisch (schmeckt wie Wild so schmeckt, ist mager und Dank Michis Grillkunst butterzart) und sitzen an tollen Feuerstellen. Was das angeht, haben es die Finnen auch echt drauf: es ist völlig unproblematisch hier gute Rocky-Plätze zu finden. Schöne einsame Stellen gibt es eh wie Sand am Meer und ganz häufig finden wir Hütten mit Feuerstellen und sogar noch Brennholz dazu. Daneben Mülleimer und ein Bioklo. Perfekt! 

Das passende alkoholische Getränk dazu ist hier allerdings sehr teuer, aber wir haben ja noch den Wodka aus Estland.

 

Also kurzgesagt: Finnland ist ein so tolles Land mit herzlichen Menschen und viel unberührter Natur. Wir kommen wieder :-)

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0