Von Riga nach Tallinn

Vom Kap aus fahren wir an der Küste nach unten und kommen in Riga, der Hauptstadt Lettlands an. In der Hoffnung auf warme Duschen, WLAN und eine Waschmaschine steuern wir einen recht zentrumsnahen Campingplatz an. Doch der hat leider noch nicht offen, wird allerdings als Stellplatz für 10€ mit Frischwasser und Klo Entleerung angeboten. Besser als nichts. Also waschen wir mal wieder die Wäsche von Hand, grillen und Lina ist glücklich über den kleinen Sandkasten in dem wir laut Schildchen die Schippe von Alexander Horn ausgegraben haben. Und endlich können wir auch mal mit anderen Campern Reisegeschichten austauschen. Von einer Schweizerin erfahren wir, dass am nächsten Tag Nationalfeiertag ist und wir verpasst haben uns auf dem Weg nach Riga das größte Schloss Lettlands anzuschauen. Der Holländer gegenüber ist Hardcore-Geocacher und hat nur an diesem einen Tag in der Stadt fast 50 Caches gefunden. Vorgenommen hat er sich 100 in jedem baltischen Land. Dagegen sind wir ja Kindergarten-Cacher!

Der Tag in Riga ist sehr warm, sonnig und Dank Unabhängigkeitstag voll mit Menschen. Auf mehreren Bühnen spielen Bands, wir lassen uns ein bisschen von der Menge treiben und essen das erste Eis der Reise. In Rigas riesiger Großmarkthalle laufen wir uns nicht nur die Füße platt und probieren allerlei gefüllte Teigtaschen, sondern staunen auch über Stände an denen man wohl wirklich alles kaufen kann. Vom Fisch der schon im Eis liegt und noch seine Kiemen bewegt, über bunte Kinderhosenträger bis hin zu exotischen Gewürzen und getrockneten Früchten. 
Ziemlich müde treten wir den Heimweg zu unserem Rocky an und freuen uns als wir wieder "zu Hause" sind. 

Riga konnte uns nicht wirklich in seinen Bann ziehen und wir fahren am nächsten Tag weiter an der Küste entlang. An einem der schönen Strände machen wir Rast und es ist so warm, dass Lina ganz nackig im Sand spielen kann (und mir vor lauter Freude auf den Schoß pinkelt).
Bis zur Grenze nach Estland ist es nicht weit und bald sind wir im dritten der baltischen Länder angekommen. Die Sandstrände verwandeln sich in dicht schilfbewachsene steinige Ufer und es wird auf einmal schwierig einen schönen Platz für die Nacht (möglichst mit Meerblick) zu finden. Denn da wo das Ufer erschlossen ist, wohnt fast immer auch jemand. So kommt uns ein Schildchen an einer Wiese mit einem Zelt darauf wie gerufen. Direkt am Meer, sogar etwas Sand für Lina, perfekt! Die ältere Frau bei der wir klingeln, will 10€ pro Nacht von uns haben, dafür gibt es Wasser und ein Plumpsklo. Nicht gerade günstig, aber okay finden wir und bleiben. Wir fahren auf die Wiese und ein riesiger Schwarm Gänse fliegt laut schnatternd auf und davon. Denen haben wir wohl jetzt den Platz geklaut. Zurück lassen sie uns eine komplett voll gekackte Wiese. Außerdem riecht es ziemlich unangenehm nach Fisch von dem Fischereibetrieb nebenan. Tja, wohl doch nicht so das perfekte Plätzchen wie wir zunächst angenommen hatten. Egal. Mit Linas beiden Kinderrechen befreien wir zumindest den Teil der Wiese wo der Rocky steht und den Sand von Gänsehäufchen und beginnen das Vogelparadies zu genießen. Gänse, Schwäne, Enten, Möwen, ein lustiger Vogel der wild durch die Gegend flattert und laut piept, sind nun unsere neuen Nachbarn. Mit Kameras und Ferngläsern bewaffnet kommen wir uns wie Hobbyornithologen vor (schönen Gruß an Sascha!). Ansonsten probieren wir uns weiter durch die diversen Bier- und Wodkasorten und Michi wird zum Sösslöck-Helden.

Als wir weiterziehen, stellen wir fest, dass es in dieser Gegend unzählige Buchten und Seen gibt an denen man nach Herzenslust Vögel beobachten und Fische fangen kann. Außerdem fällt uns auf, dass estnisch eine lustige Sprache ist, die für uns eher finnisch klingt. Laut Reiseführer wird alles so ausgesprochen wie es geschrieben wird, aber das macht es auch nicht einfacher. Überhaupt scheint Estland viel mehr skandinavische Einflüsse zu haben als Lettland und Litauen, manchmal fühlen wir uns wie in Bullerbü.

Etwas unschlüssig, wo wir eigentlich weiter reisen wollen, landen wir in Haapsalu, einem sehr netten Städtchen an der Westküste Estlands und bleiben dort auch mal gleich fast eine Woche lang. 

Nach ein paar Tagen mit mal nicht ganz so viel Programm, geht es weiter in Richtung Norden. Eine Stunde von Tallin entfernt gibt es viel zu sehen. Eine Steilküste an der man sicher super fliegen kann (wenn der Wind passt), den höchsten Leuchtturm Estlands, einen für baltische Verhältnisse groooossen Wasserfall (immerhin 6m hoch!), ein Schloss, verfallene Häuser in einem Kiesgrubensee und auch wieder lange Sandstrände an denen man prima übernachten kann. 

Und schon sind wir in der Hauptstadt Estlands, in Tallinn angekommen. Einen Nachmittag verbringen wir in einem Freilichtmuseum, quasi dem Hessenpark Estlands. In einem weitläufigen Park mit viel Wald fühlt man sich direkt in die Vergangenheit zurück versetzt und dass die große Stadt direkt nebenan ist, vergisst man. Wir schauen uns alte Bauernhäuser, Windmühlen und das Feuerwehrhaus an. Ducken uns durch winzige Eingänge und Türen. In einem der Häuschen unterhalten wir uns mit einer der traditionell gekleideten Frauen die einem etwas über die damalige Zeit erzählen, Lina bekommt ein selbst genähtes Püppchen geschenkt und wir dürfen vom selbst gemachten Karamell probieren. Ein Liter Milch von den Ziegen die wir gerade gestreichelt haben und ein Kilo Zucker zwei Stunden lang kochen lassen, erklärt sie. Unserer kleinen Raupe Nimmersatt schmeckt es jedenfalls und sie bekommt noch ein Stück von dem pappsüssen Zuckerzeug. Kurz bevor wir den Park verlassen, läuft uns noch eine rotgetigerte Katze über den Weg. Die Frau an der Kasse hatte uns die Karte erklärt und mit einem Schmunzeln gesagt: "If you are lucky, you see the cat." Und genauso wie meistens die Sonne scheint sobald wir aus dem Rocky steigen, stattet die Parkkatze uns "Glücklichen" tatsächlich noch einen Besuch ab.

Tallinns Altstadt ist von einer mittelalterlichen Stadtmauer umgeben und reich an schmucken Gebäuden. Zentrum ist der Rathausplatz auf dem es vor Souvenirbuden und Touristen nur so wimmelt. In den kleineren Gassen ist es ruhiger und vom Domberg aus, hat man einen wirklich schönen Blick bis hinüber zum Hafen. Der Reiseführer (den wir mittlerweile fast komplett kreuz und quer durchgelesen haben - vielen Dank an Manuela!) gibt uns den Tipp im "Kompressor" traditionelle Pfannkuchen zu essen. Und so sitzen wir zwischen Studenten, anderen Touristen (scheint auch im indischen Reiseführer zu stehen...) und ganz normalen Tallinnern in einem unscheinbaren Restaurant mit einer hohen Decke und essen sensationelle Pfannkuchen mit den abenteuerlichsten Füllungen. Wer kommt schon darauf, einem Pfannkuchen mit Quark, Pfirsichen und Brie zu pimpen? Obwohl die Stadt nicht gerade klein ist, treffen wir mehrfach ein nettes Paar welches wir nach dem Weg gefragt hatten. Ich verkneife mir gerade noch "Beim nächsten Mal müsst ihr aber einen ausgeben!".
In Tallinn treffen wir übrigens auch endlich mal jemanden auf den die viel gepriesene baltische Herzlichkeit wenigstens halbwegs zutrifft, die Angestellte in der Post ist sehr freundlich und bedient uns in bestem Englisch. 

Am nächsten Tag gehen wir in den Zoo. Mit großem Artenreichtum wurde geworben. Okay, das stimmt wohl. Aber mir ist es ja immer lieber, wenn es weniger Tiere gibt, denen es dafür aber richtig gut geht. Hier sind gerade die Grosskatzen und Eisbären in doch sehr kleinen Käfigen. Da müssen wir direkt an die weitläufigen Gehege in unserem schönen Opel Zoo denken.... Aber das scheint sich hoffentlich bald zu ändern, denn es wird fleißig ausgebaut und es sind bereits gefühlte 20 Gehege für gefühlte 3 Ziegenbockarten entstanden. Gähn.... Also können wir es kaum erwarten das Highlight des Zoos zu erreichen. Den Streichelzoo. Sieht auch erstmal nicht schlecht aus, komisch nur, dass man gar nicht zu den vielen Zicklein hinein gehen darf. Sie werden von streng dreinblickenden Wärterinnen bewacht und wir werden auch direkt bei dem Versuch einzutreten (mit gewohnter baltischer Herzlichkeit versteht sich...) abgewiesen. Dass eine ganze Schulklasse aber rein darf, verstehen wir nicht und auf Nachfrage bekommen wir die (extrem freundliche) Auskunft, dass der Streichelzoo nur im Sommer für alle geöffnet ist. Ah ja! Alles klar! Und danke auch für die Information, dass die Hasen beißen können. Getoppt werden die Streichelzoo-Dominas nur noch von der Tante am Ausgang. Dagegen werden Angie Merkels Mundwinkel zu einem strahlenden Lächeln..... 

Hier im Norden des Landes sind viele Hinweisschilder zusätzlich noch in kyrillischer Schrift, denn ein hoher Prozentsatz der Bevölkerung sind Russen und so werden wir schon ein wenig auf unser übernächstes Reiseland eingestimmt. Was uns in ungefähr zwei Wochen da wohl so alles erwartet?

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