Haapsalu in Läänemaa

Ein schöner Ort um mal ein paar Tage zu bleiben, finden wir und richten uns auf einem Parkplatz am Meer häuslich ein. Das Hotel Frumare Spa (bei uns "Frutti di Mare") nebenan liefert uns WLAN und ich verbringe einige Zeit auf meinem "WLAN-Stein". Auf der anderen Seite liegt ein verlassener Campingplatz auf dem wir eine Feuerstelle nutzen können. Es gibt mal wieder Michis traumhafte Zimtschnecken, wir buddeln uns einmal durch den ganzen Strand mit Linas Schaufeln, Michi trifft beim pinkeln einen Elch, wir halten ausgiebige Familienmittagsschläfchen, Dank starkem Wind kann Michi am Strand mit dem Schirm groundhandeln und Lina muss gar nicht pusten beim Seifenblasenmachen. Das Campingplatz-Birkenwäldchen liefert nicht nur Sichtschutz beim Haare waschen und Lina-Baden, sondern auch jede Menge Pollen für meine allergische Nase, aber dagegen helfen die polnischen Antihistamin-Pillen recht zuverlässig (klar, dass ich bei Tommy in der Apotheke alles mögliche gekauft habe, aber an Heuschnupfen-Mittel habe ich natürlich nicht gedacht). Der kleine Teich und überhaupt die ganze Sumpflandschaft um uns herum sorgt wiederum für zuverlässigen abendlichen Mückenbesuch. Und hier fallen uns auch zum ersten Mal so richtig die ewig langen Dämmerungen hier oben im Norden auf, es scheint gar nicht richtig dunkel zu werden und wir können uns so langsam was unter dem Begriff "weisse Nächte" vorstellen. Dank vieler Seen und dem Meer gibt es ein Vogelparadies zu bestaunen und auch Fledermäuse flattern eine Menge herum ("Könnt ihr mal bitte die ganzen Mücken aufessen?"). 

Das Städtchen Haapsalu ist sehr schön von allen Seiten vom Meer umgeben, es gibt viele typische bunte Holzhäuser, eine große Bischofsburg, ein Eisenbahnmuseum, nette Läden und die "Grand Pizza" in der man riiiichtig gute Pizza essen kann - viel Käse und ausgefallene Kreationen. Hm lecker! 

Am Wochenende findet das "Läänemaa Dance Festival" statt. In der Burg finden sich nach einem Umzug (wir müssen gleich an den letzten Faschingsumzug in Wölfersheim denken) die vielen Frauen, Männer und Kinder in den unterschiedlichsten traditionellen Trachten ein. Und dann wird getanzt was das Zeug hält. Komischerweise nur zu Musik vom Band und nicht live. Trotz der vielen Menschen gibt es nur einen Stand an dem Essen verkauft wird, aber dafür gleich mehrere Stände wo man billigen Kinderschnickschnack und buntes Zuckerwasser kaufen kann. In Deutschland hätten auf dem großen Platz mindestens drei Bierpilze und jede Menge Fressstände gestanden. Andere Länder, andere Sitten. Hier gibt es gar keinen Alkohol, die wenigen Leute die rauchen stellen sich abseits, nach dem Getanze sind alle ganz schnell verschwunden und alles wird sofort abgebaut. Wir sind etwas verdutzt! Wo sind die ganzen Leute jetzt plötzlich? Gehen die heim? Wo steigt jetzt hier die Party? Komisch komisch. Dank Ela verpassen wir nicht, dass an diesem Abend Grand Prix ist und gehen ins "Herman". Die bunt eingerichtete Kneipe war uns schon öfter aufgefallen. Wir essen was leckeres, Lina hat ein Malbuch mit Stiften gefunden, wir probieren die Cocktails des Hauses und langsam füllt sich der Laden. Und tatsächlich, um 22 Uhr (eine Stunde Zeitverschiebung) geht es los, die Länder singen um die Wette und wir sind die einzigen die dem deutschen Mädel leise zujubeln. Dass sie keinen einzigen Punkt bekommt, erfahren wir erst am nächsten Tag, denn nach der Hälfte der Darbietungen muss unsere Wurschtel dringend ins Bett. Gut, dass unser Zuhause fast direkt vor der Tür steht. 

Und nachdem uns auf dem Fest schon so einiges anders und komisch vorkam, fallen uns so nach und nach immer mehr Dinge auf, die Estland nicht zu unserem Top Reiseziel Nummer eins werden lassen. Der Reiseführer erwähnt ja immer wieder die Naturverbundenheit und Herzlichkeit der Balten. In Litauen konnten wir das noch voll und in Lettland zumindest halbwegs unterschreiben. Aber in Estland? Die Leute lassen grundsätzlich ihren Motor laufen wenn sie irgendwo stehen bleiben, es wird so dicht wie möglich an alles mit dem Auto heran gefahren und es liegt eine Menge Müll in der Natur herum. Außerdem ist Estland eine absolute Servicewüste. Bei wirklich  jedem Einkauf geht irgendwas nicht über die Kasse und statt die Tante an der Kasse nachfragt oder sich sonst irgendwie kümmert, werden die Sachen einfach zur Seite gelegt. Schulternzucken. Geht nicht! Will man mit Karte bezahlen wird man blöd angeschaut und muss seinen Ausweis vorzeigen. Bedienungen, Verkäufer und Kassiererinnen sind durch die Bank mürrisch und unfreundlich. Ganz nach dem Motto "Kunde droht mit Auftrag". Absolute Ausnahme der Kellner im "Herman" der uns sogar am nächsten Tag winkt als wir nochmal an der Kneipe vorbei gehen. Begegnet man Leuten beim spazieren, schauen sie stur geradeaus und Mamatalk auf dem Spielplatz wird direkt abgeblockt. Selbst die Tänzer auf dem Fest haben größtenteils keine Miene verzogen. Auch hier zwei nette Ausnahmen: Ein Berliner der vor vier Jahren ausgewandert ist, plaudert mit uns über den Marathon den er eigentlich am kommenden Tag mitlaufen wollte und dass die Menschen hier "gewöhnungsbedürftig" sind (sehr nett ausgedrückt...). Und ein älterer Mann mit langem Bart und Schmuddeljeansjacke zählt uns in recht gutem Deutsch alle Deutschen auf die er bisher kennengelernt hat und einer wohnt sogar in Frankfurt. Und zwar in der Waldstraße 62. Der hat ihm nämlich mal vor 20 Jahren eine Bibel geschickt. Wir sollen ihn grüßen, wenn wir ihn sehen. Von Kalle Trandmann. Ob der weiß, wie groß Frankfurt ist?
Außerdem fällt auf, dass vieles immer noch nicht offen oder in Betrieb ist, obwohl wir schon fast Juni haben und das Wetter prima ist. Da fragt man sich, wann die denn hier endlich mal anfangen wollen ihre Gäste Willkommen zu heißen. Schließlich ist der Sommer nach dem August hier schon wieder vorbei wie man uns erzählt. Aber vielleicht geben die Esten in diesen zwei Monaten auch alles und machen das Geschäft ihres Lebens, da müssen sie sich in der restlichen Zeit keine Mühe geben. Ja okay, man kann sich auch reinsteigern, ich geb's zu.... ;-)

Trotzdem waren die Tage in Haapsalu sehr schön und wir sind schon gespannt wie die Leute in Tallinn so drauf sind. Und danach kommen die Finnen...

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