Meer und noch mehr Meer

Klaipėda ist eine hübsche Hafenstadt mit einem alten Kern in dem es viele Fachwerkhäuschen und Kopfsteinpflaster gibt. Der Platz vor dem Theater ist noch fast leer, aber wir können uns schon vorstellen, dass hier im Sommer das Herz der ältesten Stadt Litauens schlägt. Als es anfängt zu regnen, schützen drei tapfere Schnickschnackverkäufer ihre Stände mit Planen vor dem Nasswerden und wir gehen essen. Es gibt wieder leckere litauische Cepelinai und Rote Beete Suppe. Zum Nachtisch empfiehlt uns die lustige junge Kellnerin (auf deutsch - englisch und russisch kann sie laut Schildchen auch) einen traditionellen Kuchen der unserem "Kalten Hund" ähnelt. Furchtbar süß, furchtbar lecker. Als sie fragt, ob sie die Teller abräumen kann, sagt Lina: "Nein, bin noch nicht fertig!" Ihr schmeckt es so gut wie uns und auch von der Spielecke, komplett aus Holz, ist sie schwer begeistert. Michi und ich beschließen, nur noch in Restaurants mit Spielecken zu gehen, das entspannt ungemein. Auf dem Weg zurück zum Rocky machen wir noch einen Abstecher zu dem Schornsteinfeger der uns auf einem der Dächer aufgefallen war. Laut Legende hat man das ganze Jahr über Glück wenn man an einem Knopf unten an der Wand reibt. Eigentlich nur an Neujahr, aber funktioniert sicher auch für uns im April :-)

Mit der Fähre ist man in ein paar Minuten auf der Kuhrischen Nehrung. Das ist eine lang gezogene Landzunge die halb zu Litauen gehört und halb zu dem Zipfel von Russland um Kaliningrad herum. Wir fahren mit dem Bus eine knappe Stunde nach Nida, dem südlichsten Ort der Nehrung. Zwischen den kunterbunten Fischerhäuschen wandern wir hindurch bis auf eine hohe Düne, werfen einen Blick hinüber auf die russische Seite und nachdem wir beim Leuchtturm waren, geht es wieder zurück in den Ort. Wir haben schon die ganze Zeit Lust auf Fischbrötchen, aber es ist wie verhext, auch hier gibt es keine. Also holen wir uns Baguette und eingelegte Heringe im Supermarkt und machen uns selbst welche. Als wir so am Ufer sitzen höre ich auf einmal eindeutig hessische Wortfetzen. Wie sich heraus stellt, kommen die beiden fröhlichen Paare mittleren Alters aus Freigericht. So klein ist die Welt. Der Bus bringt uns wieder zurück und Lina findet die Rückfahrt noch toller als die Hinfahrt, denn ein Mann vor uns schenkt ihr einen Schokoriegel mit den Worten "How old? She is beautiful!".

Und am nächsten Tag muss der Rocky nochmal in die Werkstatt. Er springt immer schlechter an und Schuld ist nicht die Batterie wie wir zuerst vermuteten. Der Anlasser ist hinüber. Ohne Termin, innerhalb von zwei Stunden und für nur 160€ haben wir einen neuen und der Rocky brummt wieder geschmeidig vor sich hin.

Der Weiterfahrt steht also nichts im Wege und so überqueren wir die Grenze nach Lettland. In dem Fischerort Jūrmalciems machen wir Mittagsrast. Der Rocky steht in den Dünen, Lina freut sich über den riesigen Sandkasten und ausser ein paar Fischern die mit ihren Booten am Strand ankommen, ist es dort ganz ruhig. Mit einem von ihnen kommen wir ins Gespräch, er erzählt uns einiges über seine Arbeit und dass am nächsten Tag im Ort ein Fischerei-Fest gefeiert wird. Prima! Dann bleiben wir doch gleich da. Nicht bedacht hatten wir allerdings, dass die Fischer mitten in der Nacht mit ihren Booten rausfahren und das mit beträchtlichem Radau. Wir fallen fast aus dem Bett und Lina bekommt wie immer nichts mit. Am nächsten Tag ist es dann endgültig vorbei mit der Ruhe, denn die Besucher des Fests kommen in Scharen an den Strand und schauen sich die Boote an. Und passenderweise haben die Deutschen gerade genau dort Eier auf dem Feuer gebacken...

Ein freundlicher Mann der gut deutsch spricht, schenkt uns drei kleine geräucherte Fische, bevor wir keine mehr auf dem Fest kriegen, denn es ist viel los, meint er. Als wir dort ankommen herrscht wirklich munteres Treiben um das Gemeinschaftshaus. Fische werden geräuchert und mit anderen Köstlichkeiten über dem Feuer gebrutzelt, Musiker spielen und singen auf einer kleinen Bühne lettische Lieder und es findet ein Fischbrötchen-Wettessen statt. Wir dürfen alles probieren und müssen noch nicht mal dafür bezahlen. Ausser, dass ein frecher Junge Lina einfach umschubst, gefällt es uns sehr gut und wir lassen auf der Wiese die fremden Klänge und Stimmen auf uns wirken.

Wieder mal sind es Geocaches die uns an die nächsten aussergewöhnlichen Orte führen. In den Ruinen einer alten Wehranlage nördlich von Liepaja finden wir einen Schatz und sind beeindruckt von den riesigen Betonblöcken die im Laufe der Zeit abgebrochen und auf den Strand gestürzt sind. Eine etwas abenteuerliche Fahrt über holprige enge Wege führt uns zu zwei alten Wachtürmen in einem Kiefernwald am Strand. Ein perfekter Rocky-Platz für die nächsten zwei Nächte. Wir machen Feuer, backen Zimtschnecken und wundern uns, dass ein Paar mit Hund sich direkt neben uns stellt um den Nachmittag dort zu verbringen obwohl rundherum alles frei ist ... Wir scheinen eine magische Anziehung zu haben, das stellen wir immer wieder fest. In der Nacht auf den 1. Mai springen wir über unser Walpurgis-Feuer, verbunden mit guten Wünschen. 

Am Strand von Škede besuchen wir eine Holocaust Gedenkstätte in Form eines siebenarmigen Leuchters. Hier wurden viele Juden erschossen und man verlässt den Ort sehr nachdenklich. Umso skurriler, dass direkt dahinter ein paar Schwäne (im Meer!?) vorbei schwimmen und eine große Biberratte ihre Runden dreht (zuerst denken wir es ist eine Robbe).

Nach kurzen Abstechern zu einer Steilküste und dem höchsten Leuchtturm des Baltikums erreichen wir Kap Kolka, den äußersten Zipfel Lettlands. Wieder geniessen wir leere Strände, feinen hellen Sand, klares nur ganz langsam ansteigendes Wasser, strahlend blauen Himmel, es ist fast windstill und schon richtig warm! Lina spielt nach Herzenslust mit Sand und Wasser - was für ein schönes Fleckchen Erde!

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Kommentare: 1
  • #1

    Michaela (Samstag, 07 Mai 2016 18:47)

    Ihr Lieben,
    ich bin so glücklich und froh trotz großer Distanz an Eurem Leben und Euren Erlebnissen teilnehmen zu können.
    Das Ihr gesund und munter durch die Lande zieht und so viele tolle Begegnungen mit interessanten Menschen habt rundet die ganze Freude ab.
    WUNDERBAR - einfach nur Leben und schöne Flecken auf der Welt sehen und erkunden ...

    Gebt Lina bitte mal einen Kuss von mir!!!

    Seid behütet...